Buch

Von Feuerstellen und Kochkesseln: Rezension "Das LARP-Kochbuch"

Schon seit einigen Jahren wollte ich es einmal in Händen halten - neulich half mit der Zufall genannt Ebay dabei, es in meinen Besitz zu bringen: Mela Eckenfels & Petra Hildebrandts "Das LARP-Kochbuch"
Bei Books on Demand im Jahr 2006 gedruckt, gibt es rein optisch ehrlich gesagt nicht besonders viel her - die braune Aufmachung mit goldener Schriftfarbe finde ich nicht unbedingt ansprechend. Aber man sagt bekanntlich, dass es auf die inneren Werte ankommt, und das trifft auf dieses praktische Buch in jeden Fall zu. Garniert mit witzigen Zeichnungen bekommt der Leser ein gut 200 Seiten starkes Kompendium sehr brauchbarer Informationen.

Hier findet der geneigte LARP-Kochnovize nicht nur Rezepte, die auf die Notwendigkeiten des Kochens mit Feuer und auch sonst eher eingeschränkten Mitteln zugeschnitten sind. Auch Con-Orgas, die sich zum ersten Mal mit dem Problem konfrontiert sehen, wie die Verpflegungssituation auf ihrer Veranstaltung gelöst werden soll, finden hier eine Menge nützlicher Hinweise und praktischer Tipps.
Von der Mengenkalkulation über das Prozedere bei der Anschaffung eines Großmarktausweises über Hinweisen zu Kochdauer, Ausstattungsproblemen bei gemieteten Küchen bis hin zu auf die jeweilige Situation angepassten Planungs-Checklisten bleibt keine Situation unbeachtet. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Orgas mit wenig Erfahrung von diesem Teil des Buches sehr profitieren können, auch, weil dort Situationen geschildert werden, die man sich als Neuling auf dem Gebiet schlichtweg noch nicht vorstellen kann.
Oder wer denkt von Anfang an daran, dass die Kochausstattung von Jugendherbergen eventuell schwach auf der Brust sein könnte und bei Zuschaltung von allen vorhandenen Kochplatten komplett in die Knie geht?

Auch die generellen Überlegungen zu intime- und genre-tauglichem Essgeschirr finde ich sehr interessant: bei den Genres Mittelalter/Fantasy, Western, Darkover, Gaslight und SciFi stellen die Autorinnen soweit möglich historische Fakten vor und beschreiben bei vollkommen fiktionalen Welten wie Darkover und Star Trek, Star Wars und Babylon 5 die durch die visuelle und beschriebene Ausstattung in Filmen, Büchern und Serien vorhandenen Anregungen.
Einen guten Teil des Raumes wird für eine kleine Nahrungsmittel- und Ausrüstungskunde reserviert, denn wenn man weiss, womit man kocht, erhöht sich in der Regel auch die Qualität und Abwechslung des Ganzen. Hilfreich empfand ich auch die genaue Beschreibung der verschiedenen Kochmöglichkeiten (Feuerstelle, Dutch Oven, Topf-in-Topf-Methode etc.) und die umfangreichen Sicherheitstips. Gerade die können helfen, eine langjährige Freundschaft mit Platzbetreibern einzugehen, denn niemand will einen abgebrannten Zeltplatz ...

Das Hauptproblem beim kochen auf LARPs ist das Fehlen einer Kühlmöglichkeit, was bedeutet, dass man auf Verderbliches in der Regel verzichten oder sehr vorsichtig damit umgehen muss. Auch hierfür bietet das LARP-Kochbuch nützliche Anregungen: Die Autorinnen beschreiben, wie man Fleisch dörren, pökeln oder Gemüse durch säuern haltbar machen kann, auch weitere Verweise auf brauchbare Sekundärliteratur kommen nicht zu kurz. 
Nach so viel notwendiger Theorie möchte man irgendwann nach den Rezepten schreien, doch sollte man die Theorie nicht übergehen: Wer sich durch achtlosen Umgang mit Verderblichem eine Salmonellenvergiftung zuzieht, sollte sich danach dann nicht über mangelnde Möglichkeiten der Aufklärung beschweren ...

Der Rezeptteil umfasst eine sinnvolle Aufteilung in Zwischenmahlzeiten & Marschrationen, Frühstück, Backwaren, Aufstriche & Soßen, Hauptmahlzeiten, Nach- und Süßspeisen, Getränke und Gerichte, die für Gelegenheiten mit Zeitdruck geeignet sind. Hier wird bei jedem Rezept durch kleine Icons deutlich gemacht, zu welchem Genre das Rezept gehört, mit wie viel oder wie wenig Aufwand es gekocht werden kann und ob man einen Teil des Rezepts vielleicht schon zuhause vorbereiten kann, um damit Zeit und Mühe beim LARP selbst zu sparen.

Für meinen persönlichen Geschmack sind in der Rezeptsammlung sehr viele auf Getreide und Nüssen basierende Gerichte vorhanden, aber mit etwas Kreativität und Koch-Erfahrung kann man diese auch den eigenen Vorlieben entsprechend anpassen. Gut fand ich die vorgestellten Klassiker wie Arme Ritter, Pesto, Käsespätzle und etwas exotischeres wie Tabouleh - Gerichte, die wenig ausgefallene Zutaten benötigen und auch von Leuten ohne große Koch-Erfahrung schmackhaft und leicht zubereitet werden können. 
Nicht immer muss es gleich darkovanisches Nuss-Brot oder ein Schmorbraten sein :) wer bisher bei Cons immer nur gegrillt hat und bei einem mehr als zwei Tage dauernden Großcon nun vor dem Problem steht, dass sich Grillfleisch nicht so lange haltbar machen lässt, findet ganz sicher brauchbare und leckere Alternativen.
Gerade mit würzigen Besonderheiten wie der Rauke-Butter kann man das ingame-Erlebnis gut und nachhaltig aufpeppen, auch Gaslight/Steampunk-Spieler werden mit typisch englischen Rezepten zur Teestunde beglückt. Wer sich im SciFi-Genre versucht, kann mit 'Energieplasma' und 'Algen-Reis-Bällchen' Furore machen, ohne an zu komplexen Anweisungen verzweifeln zu müssen.

Mein Fazit: Ich bin sehr froh, das LARP-Kochbuch in meine Sammlung aufgenommen zu haben. Für Anfänger und Con-Orgas, die sich an das Bekochen Vieler heranwagen wollen, definitiv ein must-have, für fortgeschrittenere Köche ein Buch voller Anregungen und mit interessanten Backgroundinfos zu den benutzten Lebensmitteln.
Vielleicht gibt es ja in absehbarer Zeit eine Neuauflage mit erweiterten Rezepten, die auch das relativ neue Genre Zombie-LARP gut untermalen könnten?

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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