Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Blutiger Sand


Das Display flimmerte immer mehr, je länger Lieutenant Lienas van Arden auf die Anzeigen starrte. Die ersten Worte hatte sie geschrieben, und eigentlich hätte sie den standardisierten Text nutzen können, auf den man als Offizier in solchen Fällen immer zurückgreifen durfte, aber es schien ihr nicht angemessen. Diese Nachricht würde jemanden erreichen, für den sich mit einigen Worten ein ganzes Leben ändern würde. 
Im Fall von Private Tomin Cral seine Eltern, für die durch den Tod ihres Sohnes das einzige Kind an den Krieg verloren gegangen war. Lienas hatte, wie es ihre Art war, recherchiert, sich ein Bild gemacht. Der einzige Verlust auf imperialer Seite war ein junger Private gewesen, der schon in den ersten Minuten der stattfindenden Kampfhandlungen von den Schüssen der gegnerischen Truppen geradezu zersiebt worden war.

Warum es gerade ihn getroffen hatte, wusste sie nicht zu sagen - sie hatte ihn nicht einmal sterben sehen, dafür war ihr eigener kleiner Trupp, der aus Sergeant Morrison, Specialist Thundersoul und Private Malony bestanden hatte, zu weit weg gewesen. Sie hatte nur das Verladen des Leichensacks aus der X-70B-Phantom beaufsichtigt und die Aufgabe übernommen, die Gefallenenmeldung zu schreiben.  Ein junger Mann, der noch nicht einmal die imperiale Heiratserlaubnis erhalten hatte, mit einem ganzen Leben noch vor sich. Verblutet in den Sanden Tatooines. Sie hatte diesen Private nicht gekannt, aber sich bei seinen Kameraden umgehört. 
Ein stiller, linientreuer junger Mann, der an die imperialen Ideale glaubte. Der mal ein Bier zuviel getrunken hatte, wenn die Kameraden einen ausgaben. Der für eine seiner Ausbilderinnen auf der Akademie geschwärmt hatte, aber bei ihr nie hatte landen können. Und jetzt: zerfetztes Fleisch in einem anonymen Sack. Begrabene Träume der Eltern, zerstörte Möglichkeiten für kommende Jahre. Ein Gesicht weniger.

"Es ist meine Aufgabe, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Sohn Tomin in herausragender Erfüllung seiner Pflicht ..."
Nein, das traf es nicht. Aber sie konnte auch nicht schreiben, dass er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Dass er Pech gehabt hatte, in der direkten Feuerlinie der Republikaner gelandet zu sein. "Scheiße passiert" war keine angemessene Begründung für einen Todesfall an der Front, aber es wäre die ehrlichste Erklärung gewesen.
Überhaupt hatte die Mission absolut nicht so geklappt, wie sie geplant worden war. Niemand war auf die geschickt gelegte Falle auf der Feuchtfarm hereingefallen, nein, die Jedi hatten eine Truppe losgeschickt, die am richtigen Ort aufgeschlagen war, um vor der Nase der Imperialen die Zielperson einzukassieren. Sie hatten am frühen Morgen angreifen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, das Missionsziel zu erreichen. 

Und waren von gepanzerten Jedi und republikanischen Soldaten erwartet worden. Was war da schiefgelaufen? Nur vier Leute ausser dem Auftraggeber hatten gewusst, worum es eigentlich genau ging. Wer das Ziel der Aktion war. Captain Stryder-Garrde, Lord Concabille, ihr Schüler und sie selbst.
Lienas hatte die Mission nicht verraten und sie bezweifelte, dass Stryder-Garrde, der auf der Jagd nach einem Verräter die Falle mit der zweiten Feuchtfarm erdacht hatte, so dumm sein würde, sich selbst zu sabotieren. Dafür war er viel zu verliebt in die Effizienz. Also blieben nur noch zwei mögliche Verräter - oder einen Auftraggeber, der ein bösartiges Spiel gespielt hatte.
Im Feuergefecht vorrückend, hatte sich Lienas' Team hervorragend bewährt. Drei ausgebildete Scharfschützen waren wie ein Skalpell auf dem Schlachtfeld - präzise und fähig, jederzeit einen klaren Schnitt vorzunehmen. Sowohl Morrison als auch Thundersoul hatten verlässlich und vorbildlich ihre Aufgabe erfüllt, Malony - nun, der war eben Malony. 

Und es war Lienas' Fehler gewesen, dass Malony trotz seiner Verletzungen weiter am Kampf teilgenommen hatte und zu Boden gegangen war - weil sie in der Hitze der Schlacht nicht mehr gedacht hatte, ihm zu befehlen, er müsse in Deckung vorrücken.
Die anderen zwei hatten den Befehl zum Vorrücken auch ohne einen Zusatz verstanden, aber Malony fehlte jegliche rudimentäre Form lebenserhaltender Phantasie. Glücklicherweise waren ernste Folgen ausgeblieben, aber das Bewusstsein um ihren Fehler blieb. Sie würde vorsichtiger sein müssen, wenn Malony in ihrem Trupp Dienst tat. Bedachter vorgehen müssen, noch bedachter als zuvor. Weiter vorausdenken.
Gegen einen Plan, der nicht einmal den ersten Kontakt mit der Realität überlebte, war kein Soldat gefeit. Auch nicht dagegen, dass die drei Transporter, mit welchen die Jedi und Soldaten auf der Feuchtfarm eingerückt waren, zu flüchten versucht hatten - glücklicherweise hatten sie diese aufhalten können.
Die zweite Partei, die in den Kampf eingetreten war, hatte sich alsbald auf die Seite der Republikaner geschlagen und deren Rückzug gedeckt. Wenigstens diesen hatten sie empfindliche Verluste beibringen können, und wieder waren es die Scharfschützen gewesen, die einen entscheidenden Anteil daran gehabt hatten. Ein zerplatzender Kopf mit einem präzisen, perfekten Schuss auf mittlere Distanz ging auf ihr eigenes Konto. Sie konnte es noch.

Lienas war stolz auf die Leistung ihres Trupps, aber auf den gesamten Verlauf der Aktion war sie es nicht. Zu viele Variablen. Sie war selbst verletzt worden, nicht schwer, aber doch so, dass sie für einige Zeit ausgefallen war. Mit einem Loch im Fleisch am Übergang zwischen Schulter und Hals kämpfte es sich schlecht - zum Glück hatte Sergeant Morrison ihr frühzeitig erste Hilfe geleistet. Und sie hatte geholfen, ein Leben zu retten - irgendwie hatte es Lord Concabilles Schüler geschafft, sich aufschlitzen zu lassen. Gürtel eigneten sich hervorragend, um Beinschlagadern abzubinden, auch in diesem Fall. 
Es wäre ein möglicher Verräter weniger gewesen, hätte sie nicht gehandelt. Aber auf dem Schlachtfeld hatte sich diese Frage für sie nicht gestellt. Nicht einmal nach der denkbar herablassenden Art, mit der Sith Ghurab sie bei der Besprechung vor dem Einsatz behandelt hatte. Manchmal machte auch ein namenloser Offizier, ein ganz kleines Rädchen im Getriebe des Imperiums, eine der unzähligen Ressourcen, die für Sith für gewöhnlich austauschbar waren, einen großen Unterschied.

"Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn Tomin bei einem kriegswichtigen Einsatz zu Tode gekommen ist. Er war unter seinen Kameraden ein beliebter Mann, dessen Verlust eine fühlbare Lücke hinterlässt ..."
Besser. Es war eine menschlichere Formulierung. Den Eltern würde Heldenmut kein Trost sein, das tat er nie - aber vielleicht würden sie damit besser leben können, wenn sie das Gefühl hatten, dass sie nicht alleine trauerten. Es würde an den Tatsachen nichts ändern, aber es zollte dem Mann Respekt, der in einem Sack in der Kühlkammer der medizinischen Station von Fort Asha ruhte. Und es war auch der Grund, warum sie die Aufgabe freiwillig übernommen hatte, diese Nachricht zu schreiben und es nicht Captain Stryder-Garrde überließ. Respekt vor einem, der so weit unten auf der Leiter gestanden hatte, dass er nur einen Namen und eine Nummer gehabt hatte. Der andere Captain hatte es verstanden, ohne große Worte zu machen. 
Dass irgendwer von der Rückkehr der Phantom Notiz nehmen würde, hatte sie nicht erwartet - und doch hatte Captain Thrace in der Nähe der Landeplattform gestanden, angelockt von den Lastdroiden für die Ausrüstung und dem Medteam für den schwer verletzten Sith. Es war ein tröstlicher Gedanke, auf gewisse Weise erwartet und mit einigen freundlichen Worten begrüßt zu werden - auch Lieutenant Cole, die kurz darauf zum Gespräch hinzu getreten war, hatte dezentes und freundliches Interesse am zurückliegenden Einsatz geäußert. Hatte mit ihren Worten einen Unterschied machen können, die Normalität zurückgebracht.

"...so kann ich Ihnen nur aus ganzem Herzen mein Beileid aussprechen und betonen, dass ich mir einen anderen Ausgang des Einsatzes gewünscht hätte. Ihr Sohn wird nicht vergessen werden."
Als sie die Türe ihres Quartiers hinter sich geschlossen hatte, war sie erst einige Momente lang auf ihr Bett gesackt. Hatte tief durchgeatmet. Und dann mit einer heißen Dusche begonnen, alles hinter sich zu lassen, so weit es nur möglich war, ihre persönliche Prioritätenliste nach einem Einsatz beginnend abzuarbeiten. Wieder nur Lienas sein, nicht Lieutenant, nicht Befehlshaberin, nicht schweigende Stütze ihres Vorgesetzten, nicht Scharfschützin, nicht Agentin. Eine heisse Dusche, ein gutes Essen, eine Zigarre, ein bequemes Bett ..
Wenigstens das war ihr gelungen, sehr gut gelungen sogar. Eine Nacht hatte gereicht, die schlimmsten Gedanken vor die Türschwelle zu verbannen und sich wieder innerlich zusammen zu fügen. Eine Nacht, in der sie weder an Malonys Wunde, noch an den in einem blutigen Sprühregen zerplatzenden Kopf, an den stechenden Schmerz in ihrem Hals, an den vergurkten Einsatz, bei dem sie das gesetzte Ziel nicht nur nicht erreicht, sondern auch noch grandios aus den Augen verloren hatten, denken musste. Nicht an die Verräter, die unter ihnen waren und zur Strecke gebracht werden mussten. Eine Nacht, die ihr genug Kraft gab, um sich diesem verdammten Brief zu widmen, der einem vollkommen fremden Elternpaar das Leben nachhaltig verändern würde.

"Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit kontaktieren. 
Hochachtungsvoll,
Lieutenant Lienas van Arden
17. Sturmregiment Kaas"

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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7 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Grüsse!

    Zuerst einmal danke, dafür das Du die Geschichte teilst. Schöne Geschichte. Ich hoffe, das ich noch mehr zu lesen bekomme. Würde mich jedenfalls freuen.

    Was mich interessiert, ist das im RP passiert, oder sind das Dinge die so nebenher passieren?

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    1. Immer gerne ^^ ich schreibe ja auch mit Freude daran weiter. :)
      Die bisherigen Teile findest Du übrigens unter 'Geschichten' aufgelistet ^^ da kannst Du das Ganze einigermaßen von Anfang an verfolgen.

      Meine Stories hangeln sich sehr nahe am RP entlang - was bei "Blutiger Sand" beschrieben wurde, ist ein größeres RP Event gewesen, auf dem mehr als 20 Spieler auf Republik/Imperiumsseite aufeinander getroffen sind - und nur der Char, über den Lienas seinen Eltern berichtet, war ein von einem Mitspieler verkörperter NSC, dem ich jetzt ein bisschen Fleisch an die Knochen angedichtet habe.

      Generell versuche ich, so viel RP-Geschehen wie möglich in die Story aufzunehmen, und die meisten der Handelnden sind reguläre Chars von anderen Spielern.

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    2. Die anderen Teile habe ich auch gelesen.

      Vor ein paar Tagen habe ich Lienas und ein paar andere Spieler auf Balmorra gehört, ich war zufällig in der Cantina. Kann man euch dann einfach so anspielen, oder wäre das eher schlecht (weil ihr ja eigentlich nicht auf Balmorra seid...) ?

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    3. Balmorra ist nur die Engingekrücke dafür, dass wir offenes RP spielen wollen, es aber nur eine begrenzte Anzahl an Planeten gibt, wo das möglich ist. Wir sind Teil des Projektes 'Jaguada' - die Cantina in Sobrik dient uns als Messe für den Militärstützpunkt Fort Asha, der Sobrik umfasst.
      Wenn Du mehr wissen willst - hier ist das Jaguada-Forum: http://isoc.waihona.de/index.php

      :) "Einfach anspielen" ist da dann leider keine Option, die da gangbar wäre.

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    4. Danke schön. Ich werd mir das mal ansehen.

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  2. Eine schöne Geschichte. Sie gibt dem Imperium ein positiveres Gesicht und zeigt auf, das sie mehr sind als nur Laserschwertfutter der Jedi.

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    1. Danke ...:) ist auch wie ich finde eine der Herausforderungen an das imperiale Rollenspiel - in einem unmenschlichen System nicht unterzugehen und noch irgendwie Mensch zu bleiben.

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