Film

Rezension: Die Königin und der Leibarzt


Um 1770 gilt das Königreich Dänemark als einer der rückständigsten Staaten in Europa – Ideen der Aufklärung werden vom absolutistischen Monarchiesystem rigoros unterdrückt, die Bauern stöhnen unter den Auflagen der Leibeigenschaft und dem Willen des Adels, sich auf ihre Kosten ein leichtes Leben zu ermöglichen. 
In diese Welt gerät die junge, hochgebildete Caroline Mathilde von Großbritannien hinein, als sie mit ihrem Cousin, dem dänischen König Christian VII., vermählt wird. Schnell muss die neue Königin feststellen, dass die von der Witwe des früheren Königs beherrschte Hofcamarilla nicht Willens ist, ihr als Rolle mehr zuzugestehen als die einer Gebärmaschine für die Erhaltung der Dynastie. Zudem erweist sich ihr Gemahl als ausgesprochen launisch und kindisch, sodass sie in der Ehe trotz des früh geborenen Kronprinzen nicht glücklich wird.

Erst als der König bei einer Auslandsreise durch den modern gesinnten Armenarzt Struensee behandelt wird und dieser ihn schließlich nach Kopenhagen als Leibarzt begleitet, verbessert sich auch Carolines Leben merklich. Nicht nur, dass der König durch seinen neuen Freund ausgeglichener wird, kümmert sich der Arzt doch bald auf Geheiß Christians darum, dass sich die Laune der Königin bessert – und zwei ähnlich denkende Seelen finden über die Themen der Aufklärung in eine heftige Liebesaffäre zueinander. 

Gemeinsam stärken sie dem von seinem Ministerkabinett unterdrückten König den Rücken darin, den Staat zu reformieren und modernes Gedankengut in das rückständige Land zu bringen. Doch dieser Frieden bröckelt, als Christian seinem Leibarzt immer mehr Vollmachten zugesteht und dieser seine radikalen Sparmaßnahmen auch am Säckel der alten Eliten anzusetzen beginnt – die entmachteten Adeligen beginnen, sich gegen die Reformer zu Wehr zu setzen und legen den Finger auf die offensichtlichste Verfehlung des Königspaares – die Affäre zwischen Königin Caroline und Reformer Struensee …

Vor allem aus dem Blickwinkel der jungen Caroline erzählt, entfaltet das Historiendrama von Regisseur Nikolaj Arcel schnell seinen hintergründigen Charme. Vor Originalkulissen gedreht, erhält das deutliche Gefälle zwischen den einfachen Bürgern und dem verwöhnten Adel ebenso Würdigung wie die langsame, sehr vorsichtige Annäherung zwischen Struensee und seiner späteren Geliebten. Dabei kann man sich gerade zu Beginn des Filmes sehr gut mit der jungen Frau identifizieren, die durch das seltsame Gebahren ihres Ehemannes und das strenge Korsett der Etikette am kopenhagener Hof zunächst befremdet ist und schließlich sichtlich unglücklich wird. 


Hier brillieren Mads Mikkelsen (Struensee) und Caroline (Alicia Vokander) im Miteinander, die leisen Zwischentöne einer sich anbahnenden Liebe, die aus Verständnis füreinander erwächst, lässt sich unaufdringlich und unprätentiös verfolgen. Auch wenn die Handlung letztendlich zu einem dramatischen Finale führt, waren doch die Momente, in denen die Königin und ihr Leibarzt zueinander finden, mit die tiefgreifendsten des ganzen Filmes.

Den spleenigen Gegenpol des heimlichen Paares bildet Mikkel Boe Følsgaards in der Rolle König Christians, der zwischen Ausbrüchen von Albernheit, sadomasochistischen Gelüsten, Narzissmus und vollkommener sozialer Inkompetenz schwankt. Zu Recht gewann der Schauspieler auf der Berlinale 2012 den silbernen Bären für seine Darstellung eines Mannes, der von seinen inneren Dämonen in Schach gehalten wird und dennoch irgendwie versucht, der Erwartung an ihn gerecht zu werden, ein König zu sein.

Er rundet damit das Trio ab, gibt zu den beiden modernen Geliebten ein zerrissenes Gegenstück, das man manchmal belächeln, manchmal bemitleiden und manches Mal auch einfach nur verabscheuen möchte. Alle drei sind gefangen in einer Welt, deren Schranken an jeder Ecke allzu sichtbar sind, umgeben von Menschen, für die nur die eigenen Interessen zählen.

Auch das unvermeidliche Ende dieses auf tatsächlicher Historie fußenden Dramas wird emotional, aber nicht übertrieben kitschig erzählt, beim Film steht die Charakterentwicklung allem anderen voran, es wird auf allzu viel Blut oder Gewalt verzichtet. 
Neben der hervorragenden Ausstattung ist es die hintergründige Bildsprache der kargen Nordlandschaften, welche unaufdringlich zudem genutzt wird, um die innere emotionale Lage der Handelnden abzubilden. Kurz, ein Film, der für Freunde historischer Erzählungen ganz sicher ein Genuss sein dürfte, ohne dem Hollywood-Trend von mehr, lauter, bunter! zu folgen.

Fazit: Hervorragend erzähltes historisches Drama, das der tatsächlichen Historie treu bleibt. Neun von zehn möglichen Punkten.

Film-Informationen:

Titel: Die Königin und der Leibarzt
Darsteller: Mads Mikkelsen, Mikkel Boe Følsgaard, Alicia Vikander, David Dencik, Trine Dyrholm
Regie: Nikolaj Arcel
Komponist: Gabriel Yared, Cyrille Aufort
Bildseitenformat: 16:9 - 2.35:1
Format: DVD
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungstermin: 6. November 2012
Produktionsjahr: 2012
Spieldauer: 132 Minuten

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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