Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Countdown



Fünfzehn Sekunden. Das Wasser prasselte auf ihren Kopf herunter, und Lieutenant Lienas van Arden schloss die Augen, ließ sich für lange Momente von der gleichförmigen Berührung der Wassertropfen einlullen. Ein beständiger, schmaler Strom glitt über ihre Stirn entlang das Gesicht hinab, berührte ihre Lippen wie die nachlässige Hand eines gelangweilten Liebhabers, tropfte über ihr Kinn tiefer. Sie saß in die Ecke der Dusche gekauert, einen Arm um die an den Körper gezogenen Beine gelegt. Dampfschwaden umwogten ihren nackten Körper, und es war still. Bis auf das Rauschen der Dusche, die sie auf unbestimmte Laufzeit programmiert hatte, gab es im Inneren des kleinen, zu ihrem Quartier gehörenden Raumes kein weiteres Geräusch.
Die Stille war das einzige, was sie im Augenblick ertragen konnte, wenn der Kopf zu voll war, um den Worten Raum zu geben, die darin kreisten. An jedem anderen Tag hätte sie wohl ein geheimes Gespräch mit einem Informanten unter dem laufenden Wasser gehalten, um einen Lauschangriff zu kontern, aber heute musste sie vor allem die Unruhe in ihrem Inneren zum Schweigen bringen. Fünfzehn Sekunden! Es war der pure Wahnwitz gewesen, wieder mal.

Wieder mal war die verdammte KI ihnen eine halbe Ewigkeit voraus gewesen, wieder einmal waren sie ausmanövriert worden, hatten nur ihr nacktes Leben und ein paar Informationen retten können. Hätte sie sich dagegen entschieden, Reyes und die drei anderen einzusetzen, hätte sie den knappen Ausgang der Sache vorausgeahnt? 
Vermutlich nicht. Sie waren alle Soldaten, dafür waren sie ausgebildet. Und dennoch ... als sie Reyes vor einer Woche auf die Spur der KI gesetzt hatte, war sie nicht von einem schnellen Erfolg ausgegangen. Dafür war die KI bislang viel zu gewitzt vorgegangen. Sie hätte misstrauisch werden sollen, als Reyes einen potentiellen Ort gemeldet hatte, an dem sich der Hauptspeicher der KI befinden könnte. Eine verlassene Fabrikanlage auf Kaas sollte es sein, allerdings war sie zu gut gesichert, als dass ihr Adjutant hätte alleine vorrücken können. 
Also hatte sich Lienas drei verlässliche Soldaten angefordert und in einer schnellen Kommandoaktion eingeflogen. Ein bisschen Geheimnistuerei, heroisch klingende Callsigns, Kampfausrüstung. Warum auch immer sich Reyes irgendwann mal 'Virus' ausgesucht hatte, es passte irgendwie. Während sie selbst auf der Phantom verblieben war, um das Team zur Not von außen zu unterstützen, waren die vier Soldaten in das Innere der Anlage vorgedrungen.

Als der erwartete Widerstand durch Absicherungen ausblieb, hätte sie misstrauisch werden sollen. Keine Wachdroiden, kein komplexes Sicherheitssystem. Auch sie hatte sich durch das leichte Vordringen in die Tiefen der Fabrikanlage täuschen lassen, der Gedanke daran, gegen die KI irgendeinen Erfolg zu erringen, war zu verlockend gewesen.
Und dann waren Blex, Limsharn, Brent und Reyes in die sauber gestellte Falle gelaufen - in einem Raum tief im Inneren des Gebäudes hatten sie ein Terminal entdeckt, in das sich Reyes eingeklinkt hatte. Die KI hatte dort gewartet, eine Nachricht hinterlassen, mit der die Soldaten verhöhnt wurden. Die Männer befanden sich plötzlich nicht nur in einem verschlossenen Raum - die Türen hatten sich automatisch verriegelt - sondern auch noch in einem Raum mit einem atomaren Sprengsatz und einem fünfminütigen, unweigerlich ablaufenden Countdown, der wieder nur durch ein vertraktes Rätsel aufgehalten werden konnte.
Der Sprechfunk verriet die wachsende Anspannung des Teams, die Gedanken an ein unmittelbar bevorstehendes Ende schwappten immer wieder mit den gesprochenen Worten mit. Und sie hatte nichts tun können, gar nichts, um ihnen irgendwie zu helfen. Selbst ein Bombardement des Gebäudes mit dem Schiff hätte ihnen nicht schnell genug den Weg freigesprengt. Sie vielleicht sogar noch mehr verschüttet.

Ihr Kopf war wie leergefegt gewesen, die Gedanken hatten sich um das Rätsel gedreht, die vielen verschiedenen Möglichkeiten waren wie verrückt hinter ihrer Stirn gekreist und doch hatte sie keinerlei guten Hinweis geben können. Limsharn hatte ihr die nötigen Daten zur Bombe geschickt, während die Zeit unweigerlich abgelaufen war. Leuchtziffern bewegten sich, und viel zu schnell war aus der Eins eine Null geworden, die letzte Minute angebrochen. Etwas in ihr verachtete sich noch immer für ihre halbe Lüge, für die Zuversicht, die sie den Männern vorgespielt hatte, um ihnen ein wenig Ruhe zu vermitteln, damit sie eine Lösung finden konnten.
Schweiß war auf ihre Stirn getreten, sie hatte die Finger um den Copilotensitz der Phantom gekrallt, als die letzten zwanzig Sekunden angebrochen waren. Der Radius für eine atomare Explosion war bekannt, das Schiff beschleunigte ungeheuer schnell, nur noch fünf Sekunden, dann hätte sie fort sein müssen, um das alles zu überleben. Als einzige zu überleben. Als die Leuchtziffern nur noch fünfzehn verbliebene Sekunden angezeigt hatten, war ihr Blick zum Piloten gedriftet, sie hatte den Mund geöffnet, um den entsprechenden Befehl zu geben - dann meldete sich das Team. Reyes' Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass der Countdown gestoppt worden war.

Der Rest des Abends war für sie wie ein schlechter Traum verlaufen - sie hatten Daten gesichert, so viel an Wissen mitgenommen wie möglich, und Lienas hatte alle Informationen umgehend an die örtlichen Behörden weitergegeben. Dann der Rückflug, bei dem sie den blassen, sichtlich aufgewühlten Männern bei einem corellianischen Ale die Gelegenheit gegeben hatte, ihrem Unmut Luft zu machen. Blex war der Lauteste gewesen, aber sie vermutete, dass Limsharn der Wütendste von allen gewesen war. Reyes hatte geschwiegen, getrunken, nur ein paar Gedanken beigesteuert - eine neue Facette bei ihrem Adjutanten, der sich wohl zum ersten Mal mit einer Situation konfrontiert gesehen hatte, die er nicht mit Leichtigkeit hatte lösen können.
Und die ganze Zeit über hatte sie ihnen in die Augen geblickt, zugehört, Zuversicht und Ruhe auszustrahlen versucht, eben den Offizier gespielt, den sie nach einem solchen Einsatz gebraucht hatten. Jeder Blick war eine Lüge gewesen, jedes Wort Heuchelei. Vor ihr hatten vier Männer gesessen, die sie ohne ein Zögern im Inneren der Fabrik hätte krepieren lassen, um die Daten zu retten. Um den Auftrag so weit auszuführen wie möglich...

Ein Teil ihres Inneren hieß die Entscheidung nach wie vor gut - es war die einzig mögliche gewesen, die ein imperialer Offizier treffen durfte, um eine Chance zu erhalten, einen zukünftigen Erfolg zu erringen. Der andere Teil jedoch verband mit jedem dieser vier Männer etwas. Blex und seine frechen Aufkleber, sein loses Mundwerk, der trockene Humor, seine kreativen Flüche und die unkomplizierte Kameradschaft, die sie einfach so verband. Auch wenn er Offiziere eigentlich nicht mochte. Limsharn, mit dem sie das Training auf höchstem Niveau genoss, mit dem sie sich von Anfang an nach ein paar rauhen Witzchen gut verstanden hatte. 
Brent, der sich zwar ultrakorrekt in ihrer Gegenwart verhielt, dem aber der Schalk im Nacken saß, selbst wenn er ihn gut verbarg. Und Reyes, ihr Adjutant, der vor allem die Herausforderung suchte und mit einer Leichtigkeit durch sein Leben strich, für die sie ihn still beneidete, weil sie diese längst verloren hatte. Wenigstens schien es ihr gelungen zu sein, die vier ein bisschen runterzuholen, die Frustration abzudämpfen, bevor sie nach Jaguada zurückgekehrt waren - und doch schmeckte die Erinnerung an diesen Abend ausgesprochen schal in ihrem Mund. 

Daran hatte auch das lange Gespräch mit Captain Thrace nur wenig ändern können. Natürlich hatte er wissen wollen, was genau an diesem Abend geschehen war, und wollte die Lücken in ihrem Bericht gefüllt haben. Er hatte sie beruhigt, hatte Verständnis für ihre Gedanken gehabt und versucht, ihre Entscheidung nachzuvollziehen. Aber sie wusste genau, dass er sich anders entschieden hätte - er war anders gestrickt als sie, in so vielem ein absolutes Gegenteil. 
Vielleicht konnte er sie deswegen so gut erden, die Stimmen für einige Stunden zum Verstummen bringen. Er verurteilte nicht, sondern nahm die Dinge, wie sie waren - und schließlich hatte der innere Druck nachgelassen, war für einen Abend verschwunden, hatte der Möglichkeit Raum gegeben, wieder mehr Mensch zu sein als Offizier. Selbst die neuen Babyfotos von Olvan hatte er sich ohne Klagen angesehen, auch wenn ihre Verwandtschaft ihn sicherlich irgendwann langweilen musste. Andere mochten seine ruhige Art vielleicht für langweilig halten, aber für Lienas war Carsson Thrace in den letzten Monaten ein willkommener Ruhepunkt geworden, zu dem sie immer wieder zurückdriftete.

Langsam lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die kalten Fliesen und schloss die Augen, ließ das Wasser über sich schwappen, als könnte es sie ertrinken lassen. Sie reinigen von dem, was sie zwar nicht getan hatte, aber hatte tun wollen.
Die Stimmen waren zurückgekehrt, und noch immer flüsterten sie ihr ihre unwillkommenen Wahrheiten zu. Konnte man mit Menschen befreundet sein, deren Leben man ohne Zögern opfern würde, um ein größeres Ziel zu erreichen? Durfte man es? Oder wäre es besser, sich von ihnen fernzuhalten, um keine zu große Nähe entstehen zu lassen? Das ewige Dilemma der Offiziere. Man konnte nicht gleichzeitig Freund und Vorgesetzter sein - und an der Spitze war es stets einsam. 
Als Agentin hatte ihr diese Einsamkeit nichts ausgemacht, sie hatte sich selbst genügt, ihren eigenen Anspruch erfüllt und so effizient wie möglich gehandelt. Sie hatte viele Erfolge ihr eigen nennen können, aber auch Misserfolge überstehen müssen. Und doch war es etwas ganz anderes gewesen als das Heute.

Es war früher so viel einfacher. Ein Satz nur, gesprochen von Captain Stryder-Garrde in einem ruhigen Augenblick, mit dem Geschmack von einem hervorragenden alderaanischen Whisky auf der Zunge. Ein Satz, der ihr verriet, dass auch ihr Vorgesetzter diese Bürde spürte und sie schultern musste, wenngleich sie vermutete, dass er es auf seine Art und Weise tat und sich diese von der Lienas' ebenso grundlegend unterschied wie die Art von Captain Thrace von der ihren. Als Agent hatte man ein klares Ziel und tausend Möglichkeiten, es zu erreichen. Als Offizier war alles so unglaublich viel komplexer und komplizierter. Viel zu viel Flimsikram, viel zu viel Unnötiges, das einen vom Eigentlichen abhielt.
Nur wenige Momente, in denen man sich jetzt noch lebendig fühlen durfte, wenn man den Geschmack der Gefahr erst einmal über Jahre hinweg überreichlich gekostet hatte. Einer der Gründe vermutlich, warum das Training mit Stryder-Garrde inzwischen deutlich den Charakter eines harten Wettbewerbs erreicht hatte und sie einmal mehr herausforderte. Inzwischen war es eindeutig mehr als die überaus günstige Gelegenheit, ihren Vorgesetzten ordentlich zu vermöbeln: es machte Spaß. Dass die erste Runde des Schleichtrainings an ihn gegangen war, hatte ihren Ehrgeiz nur noch mehr angestachelt. Am Ende war es unentschieden ausgegangen - die beste Ausgangsposition für das nächste Mal.

Den Kopf in den Nacken legend, ließ sie das Wasser direkt auf ihr Gesicht niederprasseln. Es wusch alle Hinweise darauf weg, dass sie nicht in jedem Augenblick hart und Herrin der Lage war, und dieses Mal brachte es ihr ein bisschen Frieden. Wieder tauchten die Gesichter von Reyes, Limsharn, Blex und Brent vor ihrem inneren Auge auf, bewegten sich, sie rief sich in Erinnerung, wie sich die vier bewegten, typische Gesten ausführten. Einer von Blex' deftigen Flüchen glitt am Rand ihrer Aufmerksamkeitssphäre entlang und ließ sie müde schmunzeln. Noch lebte er. Noch immer konnte Blex fluchen. Irgendwo einen seiner Aufkleber anbringen ...
Noch immer konnte Limsharn mit seiner Duragan Stahlträger umschießen, Reyes einen halb zweideutigen Witz reißen, Brent irgendwelche Nachrichten überbringen. Sie schuldete es den vieren, dass sie die verdammte KI endlich zu Fall brachten. Sie schuldeten es allen, die durch das wildgewordene Programm zu Tode gekommen waren. Fünfzehn Sekunden, die zwischen Leben und Tod entschieden hatten. Fünfzehn Sekunden, die das Maß endgültig voll machten.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Interessante Geschichte (schreibst du die selbst oder stammt das aus einem der SW Bücher?), wobei ich mir ein paar nette Zeichnungen gewünscht hätte, welche die Geschichte lebendiger wirken ließen.

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    1. Ich schreibe selbst ;) Lienas ist mein Rollenspielcharakter aus dem Militär-RP bei Star Wars:The old Republic, und die meisten der Chars aus der Story sind die Charaktere anderer Spieler, deren Wirken ich aus dem Blickwinkel meines Chars dann beleuchte.
      In sofern ist diese Story sehr hoch davon beeinflusst, was meinem Char im Rollenspiel so alles passiert. Die Sache mit der KI ist zB ein laufender Plot, der von einer Mitspielerin für uns andere geleitet wird.

      Und mehr als eine Zeichnung pro Episode schaffe ich derzeit leider zeitlich nicht :)

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