Lienas van Arden

Der perfekte Moment: Nachwehen



Sie mochte den Moment, in dem ihr Körper schmerzte, die Muskeln zu zittern begannen, weil sie den Moment erreicht hatte, in dem sie die Grenze ihrer Kräfte erkannte. Es hieß auch, dass sie für diesen Tag genug trainiert hatte, das wohlige Summen ihres aufgeheizten Körpers genießen konnte, während sie sich entspannte. Momentan durften die Soldaten zwar wegen des allgemeinen Alarmzustandes nicht ausserhalb des Forts alleine unterwegs sein, aber genug Runden im Areal des Forts selbst erreichten denselben Zweck.
Gemächlich lehnte sich Lieutenant Lienas van Arden an einen Felsen in der Nähe, fühlte den kalten Stein durch das Trainingssweatshirt an ihrem Rücken und ließ den Atem kontrolliert durch ihre Lunge strömen. Die kalte Luft schmeckte hart im Inneren ihres Leibes, aber auch diese Kälte begrüßte sie. Es waren Augenblicke der Klarheit, die sie sich so verschaffte, wenn die Geschwindigkeit der Welt um sie herum sich verlangsamte und sich ihre Gedanken auf die wichtigen Dinge fokussieren konnten.

Inzwischen lag der Einsatz gegen die KI zwei Wochen zurück, aber das dumpfe Gefühl, dass all das noch längst nicht vorüber war. Jene Logaufzeichnung, welche die zurückgelassenen Beobachtungsdrohnen aufgefangen und weitergegeben hatten, sprach von insgesamt fünf Fragmenten, von denen sie genau eines in Form der KI gefunden hatten. Colonel Keeler, von der die Aufzeichnung stammte, hatte Wichtiges bei ihrem Verhör verschwiegen - und ließ die Offiziere mit dem unangenehmen Wissen zurück, dass im Dunkel weitaus mehr lauerte, als sie jemals sehen wollten. 
Auch Captain Stryder-Garrde war von dieser Entwicklung wenig begeistert. Sie würden herausfinden müssen, von welchem Mond Keeler bei ihrer Aufzeichnung gesprochen hatte. Dort sollten die Artefakte gelagert sein, von denen eines zu der Katastrophe mit der KI geführt hatte. Noch musste Lienas strikte Geheimhaltung wahren, nur Colonel Sordan sollte von dieser reizenden Aussicht erfahren - einen wirklichen Plan hatte jedoch auch der Captain nicht. Wie sprengte man einen Mond? Waren die Artefakte überhaupt noch dort? Würde man sie bergen können, ohne sich in Gefahr zu bringen, von diesen absorbiert zu werden? Was, wenn sie noch schlimmere Fähigkeiten besaßen als jenes, welches die KI beherbergt hatte? Konnte man diese Artefakte irgendwie zerstören? Oder hatte sie längst irgendwer aufgeklaubt? Zu viele offene Fragen, und kaum Antworten. Es schmeckte ihr ganz und gar nicht, aber dies war eines der Probleme, das warten musste. 

Wenigstens hatte sich das Date nicht zu einem Problem entwickelt - jenes Date, für das sie vor mehr als vier Monaten über zehntausend Credits hingelegt hatte und nun, nachdem akute Gefahren endlich beseitigt waren und weder sie noch Captain Thrace wegen einer Verletzung ausfielen, hatte stattfinden dürfen.
Lienas hatte lange darüber nachgedacht, was ihm wohl gefallen könnte, wenn er sie schon auf ein sehr klassisches Date ausführte. So vermutete sie einen konservativen Geschmack und hatte sich deswegen bei einem Designer ein passendes Kleid ausgeliehen - allein die Miete für dieses Kleid kostete schon mehr, als andere für ihre Abendgarderobe ausgaben, aber es war die Sache wert gewesen.
Ein Traum in gebrochenem Weiß, der sich eng an den Körper schmiegte und eine sanfte Hülle bot, welche ihre Vorzüge höchst angenehm betonte. Schulterfrei, ein Stück, zu dem man lange Handschuhe trug, mit einem sehr langen Rock und einer dezenten Schleppe, die vom Knie an bis zum Boden mit glitzernden Applikationen besetzt war und bei jeder Bewegung wirkten, als schritte man durch spritzende Gischt an einem Strand. Dem Captain hatte zwar nicht der Mund offen gestanden, aber seine Reaktion war nahe daran gewesen - sie hatte richtig gewählt. Was machte es schon, dass sie bei fast jedem Schritt das Gefühl hatte, über den Saum stolpern zu müssen oder es sich beim Essen unwiederbringlich zu beflecken?

Eigentlich waren solche Dates nicht ihr Ding. Gemeinsam essen, ein Tanz, ein wenig flanieren - das waren Sachen, die sie für gewöhnlich langweilten, wenn sie es irgendwie durchstehen musste. Aber an diesem Abend war die Zeit wie im Flug vergangen. Alle seine Befürchtungen, sie könnte mit seinen Tanzkünsten nicht zufrieden sein, waren unnötig. Sicher, es gab bessere Tänzer als den Captain, er dachte einfach viel zu viel an seine Füße und ließ zu wenig innerlich los, aber er hatte sich sehr bemüht und sie sicher über die Tanzfläche geführt. Nach einer Weile hatte er seine Füße vergessen und sich der Musik überlassen, ganz wie es sein sollte. Dazu ein ausgezeichnetes Essen und ein noch besseres Gespräch, das sich nicht mit Nichtigkeiten aufgehalten hatte.
Vielleicht war es gerade wegen des Kontrastes zu den letzten, ziemlich aufreibenden Wochen so angenehm gewesen. Sie hatten an diesem Abend nicht einmal den üblichen Whisky getrunken, sondern Wein, wie ein normales, gesellschaftstaugliches Paar. Eben ein in seiner Galauniform überaus schmuck aussehender Offizier und seine Dame. Hätte irgendwer auf dem Stützpunkt Lienas in diesem Kleid gesehen, hätte er wohl vermutet, es handle sich um eine optische Täuschung. Oder um einen sehr verrückten Traum. Und es hatte ihr seltsamerweise Spaß gemacht, sich nach allen Regeln der Kunst aufzutakeln, inclusive den dezenten, ebenso geliehenen Brilliantohrsteckern. War diese Seite von ihr eine reine Verkleidung, oder gab es doch einen Teil von ihr, der an solchem Gefallen fand?
Ein paar Stunden abtauchen in eine andere Art Leben. In eine andere Wirklichkeit, in der Krieg und Tod für einige Momente lang schwiegen. Vielleicht war es das, was Lieutenant Hawkwood stets zu finden versuchte - eine andere Realität, in der das Leben nicht so ernst sein würde. Es war dem Captain gelungen, ihr einen einzigartigen Abend zu bereiten. Einer jener Abende, von denen man in dunkleren Stunden zehren konnte.

Lienas seufzte wehmütig und strich sich mit einer Hand das kurze Haar zurück, stieß sich von dem Felsen ab und atmete tief durch. Ihre Glieder fühlten sich angenehm warm an, und sie lief geschmeidig die große Paradestraße entlang. Noch eine Runde, bevor es wieder zurück an den Schreibtisch gehen würde, der auf sie wie ein verschmähter, aber noch immer penetranter Liebhaber wartete. Geduldig, mit dem bitteren Wissen, dass sie sich ihm würde widmen müssen, auch wenn ihre Lust darauf nicht allzu groß war.
Und es gab ja auch noch einiges zu organisieren. Dass sich Captain Stryder-Garrde tatsächlich dazu bereit erklärt hatte, Haus Elentaar mit überschüssigen Gütern des Sturmregiments zu unterstützen, war für Lienas noch immer überraschend genug. Nach den verhängnisvollen Anschlägen auf die Hauptstadt der Cenan-Provinz auf Alderaan hatten tausende Bürger ihr Heil in der Flucht gesucht und waren in die angrenzenden Provinzen geströmt.

Und da eine der beiden Provinzen, die von den Flüchtlingen als sicheres Ziel auserkoren worden waren, die Heimatprovinz von Haus Elentaar war, erstickte jenes gerade in der Notwendigkeit, zu viele zusätzliche Mäuler stopfen und diese Menschen unterbringen zu müssen, dem harschen Winter im Norden Alderaans zum Trotz. Sicher wurden von einigen anderen alderaanischen Aldeshäusern Hilfsgüter geschickt, doch mehr davon war immer eine gute Sache. Zudem würde es dem Imperium sicherlich einige positive Punkte bringen, wenn man mit einem humanitären Einsatz verknüpft wurde.
Also hatte sie den vorherigen Abend gemeinsam mit Stryder-Garrde Inventarlisten gewälzt und überlegt, was von den zur Ausmusterung vorgesehenen Dingen den Flüchtlingen zugute kommen konnte. Dazu reichlich viele Überlegungen zur aktuellen Lage auf Alderaan, die sich durch die Angriffe auf Cenan verschärft hatte - es roch nach weiterem Ärger. Wenn wirklich ein abtrünniger Darth mit Gottkomplex für diese Kämpfe verantwortlich war, standen ihnen sicherlich noch mehr Probleme ins Haus. Glücklicherweise hatte sich auch die 181. angeschlossen und stellte Thermozelte und die Einrichtung für ein Notlazarett leihweise zur Verfügung - Captain Thrace war wenig begeistert gewesen, hatte sich aber breitschlagen lassen. Fehlte nur noch Colonel Sordan. Vielleicht hatte auch die 193. ein paar Dinge übrig, die nutzbringend verwenden lassen würden.

Dieses Herumsitzen tötet irgendwie den den Geist... schlimmer als ein Granatfeuer. Es erging Stryder-Garrde offensichtlich ähnlich wie Lienas, eine gewisse innere Rastlosigkeit blieb trotz einer hohen Arbeitsbelastung mit den beiden F - Formalia und Flimsikram. Wer einmal das Leben eines Agenten geführt hatte, auf dem stetig schmalen Grad zwischen Tod und Gefahr, ging entweder darin unter oder überlebte und wurde davon für immer geprägt. Also suchte man sich Ablenkung, eine Aufgabe, eine neue Herausforderung. 
Herausforderungen wie den Tandemflug mit einem Erkundungs-Drachen, den sie PFC Jiros gegönnt hatte, um zu erkunden, ob  er auch in der Luft noch starke Nerven behielt. Gehofft hatte sie ja, dass es ihm gefallen würde. Gefürchtet, dass er ihr in den Nacken kotzen würde, weil er als Passagier über ihr in das Gurtzeug geschnall gewesen war. Sein lautes Jubeln, als sie nach dem Rampenstart in die Luft katapultiert worden waren und die Tragflächen sie im blauen Himmel Jaguadas behalten hatte, sprach eine deutliche Sprache. Er hatte Feuer fürs Fliegen gefangen, und sie war bei einem stillen Lächeln geblieben. Wenn seine Ausbildung endete, würde er zumindest auf einige aussergewöhnliche Ereignisse zurückblicken können und hätte vieles kennengelernt. Nicht die wirkliche Gefahr eines Agentenlebens gekostet, aber doch einen Hauch davon greifen dürfen. Ob sie wohl Staff Sergeant Limsharn dazu überreden könnte, Jiros auf einen Orbitalsprung mitzunehmen?

Vielleicht auch deswegen Alderaan. Weil es dort genug Abwechslung gab, selbst wenn sie die meiste Zeit über anstrengend und belastend war. Und doch, es war Abwechslung. Ihre Gedanken schweiften zu jenem kleinen Dörfchen im Gebirge der Taar-Provinz, das ihr der Count als Lehen überlassen hatte. Als Vormund ihres Neffen stand ihr eine Apanage zu - die Bedeutung dieses Wortes hatte sie erst in einem Adelshandbuch nachschlagen müssen - und diese bestand aus einem leihweise überantworteten Lehen: Das Dorf Tural nahe einer Edelsteinmine. 
Schneebedeckte Gipfel in der Nähe, Gebirgswiesen und viel klare, kalte Luft. Seltsamerweise gefiel ihr der Gedanke an dieses wilde, ungezähmte Land. Die harsche Witterung, die einem nichts schenkte. Irgendwann, in einem anderen Leben, würde sie dort vielleicht Urlaub machen. Und wieder so tun, als gäbe es keinen Krieg und keine durchgedrehten Darths, welche die Welt brennen sehen wollten...

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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