Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Absturz


Der Wind peitschte ihr hart ins Gesicht, während die beiden Körper, durch ein Geschirr aus Gurten und Schnallen aneinander gekettet, wie ein vierbeiniger Stein in die Tiefen hinab stürzten. Regentropfen bohrten sich wie feine Nadeln in ihre Haut, der unvermeidliche furchtbar enervierende Regen von Dromund Kaas, klatschte auf ihren Körper, durchnässte innerhalb kürzester Zeit ihr Haar, durchtränkte die Freizeitkombination, und ließ sie fast sofort bereuen, dass sie sich auf diesen Sprung eingelassen hatte.
Lienas van Arden hatte sich immer als Bodenbewohnerin verstanden, und alles, was irgendwie mit Fallschirmsprüngen oder Orbitalsprüngen zu tun hatte, war ihr aus Prinzip verhasst. Sie hörte den begeisterten Schrei Avanums, der sie im Tandemgeschirr unter sich angeschnallt hatte, seine sich vor Begeisterung überschlagende Stimme, und für einige Momente lang wurde ihr das Herz auch leichter. Es war leicht, sich von ihm anstecken zu lassen, sich nur auf diesen Augenblick zu konzentrieren. Das hatte er schließlich gewollt, als er sie mitgeschleppt hatte. Nun griff der Wind mit seinen eisigen Fingern in ihr Haar, ließ die kurzen Strähnen flattern, während irgend etwas in ihrem Magen hin und her geschwenkt wurde.

Die korrekte Flughaltung einnehmend, versuchte sie sich auf die kleineren und unwichtigeren Hochhäuser von Kaas City zu konzentrieren, die wie Stalagmiten dem Himmel mit seinen düsteren Gewitterwolken entgegen empor schienen. Das Dunkel der Stadt unter ihnen wurde von rötlichen und weißen Lichtpunkten durchbrochen, irgendwo weit hinter den Tandemfallschirmspringern krachte ein Blitz. Noch mehr Regen, kalte Nässe, die alle Gedanken fortwischte. Avanum zog die Reißleine für den Hauptschirm, und im Rauschen des Regens und des pfeifenden Windes knallte das zerreissende Gewebe des Schirmes wie ein Projektilschuss. Lienas' Kopf ruckte herum, sah für eine Sekunde lang dem davonflatternden knallroten Stoff hinterher. Der Boden kam näher, unaufhaltsam, mit jeder Sekunde weitere Meter.
Wind zerrte an ihrem Leib, ließ ihre Kleidung laut flattern. Der heiße Griff des Adrenalins nach ihrem Herzen pumpte sofort neuen Willen durch ihre Adern, sie musste den Impuls unterdrücken, sich irgendwo festhalten zu wollen, um den schnellen Fall zu bremsen.
"Reserveschirm!" brüllte sie gegen den Wind, die Worte fast sofort von diesem fortgerissen, sodass sie zweifeln musste, von Avanum verstanden worden zu sein. Sie versuchte, in sein Gesicht zu blicken, sich der Last seines Körpers auf dem ihren umso bewusster - dann endlich schaltete er, mit einem Handgriff die Flut an schnell wechselnden Bildern in ihrem Kopf unterbrechend. Ein weiteres Rucken, das durch die beiden Leiber ging, als sich der Reserveschirm entfaltete, für genau drei Sekunden den schnellen Fall bremste.

Ein neuer Knall, und dieses Mal hörte sie auch von Avanum einen erstickten Laut des Erschreckens. Wie konnte es sein, dass gleich beide Schirme funktionsuntüchtig waren und von der Luft zerrissen wurden? Aber es blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Überleben! Mehr als die Fetzen beider Schirme hatten sie nicht mehr, und nur den Abgrund aus Metall, Durabeton und harten imperialen Grundsätzen unter sich. Irgend etwas musste ihren Absturz doch bremsen können, vielleicht eine der überdimensionalen Fahnen ... in der Ferne gab es die Zitadelle, doch die war viel zu weit weg. Blut strömte ihr in den Schädel und hinterließ einen Schmerz, der ihr ihre Hilflosigkeit nur noch mehr vor Augen führte. So wollte sie nicht sterben, und vor allem, noch nicht! Während sie versuchte, durch Verlagerung ihres Körpers und mit rudernden Armen in die Richtung eines nahen Hochhauses zu steuern, drängten sich die vielen Bilder mit Macht zurück in ihr Bewusstsein. Wer wird denn jetzt übermäßig emotional, hm?
Ein Arm, der tröstend um Schultern gelegt wurde, während Tränen nur mühsam zurückgehalten wurden, den tiefen inneren Schmerz erkennen ließen. So viel Empfindung hinter einer einer harten Fassade. Der Blick auf einen Rucksack, an dem eine zusammengerollte Decke angeschnallt war, eine besondere Decke, in der noch vage der Geruch zweier Körper hing, die sie sich teilten, wann immer die Gelegenheit dazu war. Eine Box, in der liebevoll zubereitetes Essen lagerte, schon vom Anblick her eine reine Augenweide, und erst der Duft - kleine Happen, die sie auf dem Flug verspeiste, sich an lange Stunden erinnernd. Auch Avanum ruderte nun, ihrer Weisung instinktiv folgend. Er schrie nicht, er bettelte nicht, es gab keine Panik, nur den unbedingten Willen, den sie ohne Worte teilten. Dort vorn war ein Hochhaus mit bodenlanger Fahne, wenn sie es nur erreichen könnten, sich darin verfangen, vielleicht ...

Der Abgrund raste näher, Dunkelheit am Grund, Hände, die sich nach ihnen ausstreckten und versuchten, die beiden Körper mit ihrem eisigen Griff zu erreichen. Selten hatte Kaas City so schön und gleichzeitig so schrecklich ausgesehen, ein Fanal kalter Effizienz und Ordnung, in der zwei Leben mit vier Armen und Beinen versuchten, eine neue Richtung einzuschlagen. Crutios Blick, als er ihr nur die Wahl zwischen dem Tod eines guten Mannes oder dem Verrat gelassen hatte, eine weitere winzige Hoffnung, die tief in ihrem Inneren endgültig gestorben war. 
Enttäuschung ganz sicher, und Müdigkeit vor allem, irgendwo ertrinken in der Schwärze, wenn es keinen anderen Weg mehr gab als hinab in die Tiefe, zu all den verlorenen Hoffnungen und Wünschen und niemals ausgesprochenen Worten, die jetzt doch an die Oberfläche drängten, zusammen mit ihrem heftigen, rasenden Atem ...

Keuchend richtete sich Lienas van Arden auf und brauchte einige Momente, um sich in der Düsternis des einfach gehaltenen Raumes zu orientieren. Alderaan, im Norden des Planeten, die Taar-Provinz. Im Kamin, der dem Bett gegenüber lag, war das Feuer längst zu einer vagen Glut erloschen. Während ihre Atmung langsamer wurde, starrte sie an die gegenüber liegende Wand und wischte mit der Hand den kalten Schweiß von ihrer Stirn.
Der Traum war dem realen Geschehen erschreckend nahe gerückt, wenngleich auch bei dem letzten Ausflug, zu dem ihr Schüler sie genötigt hatte, der Reserveschirm aufgegangen und das Ganze nur eine fingierte Szenerie gewesen war.
Dennoch konnte sie in diesem Moment die Bilder nicht abschütteln, diesie für gewöhnlich tief in ihrem Innersten verbarg, jedes an einem separaten Ort, damit sie sich nicht mischen konnten.
Einen Blick auf den ruhig neben ihr liegenden Mann werfend, dessen Atmung verriet, dass er noch in eigenen Träumen verhangen war, glitt sie aus dem Bett und tappte in das dem Gemach angeschlossene kleine Badezimmer. Auch hier war die Ausstattung schlicht, aber gut gepflegt. Auf dem Waschtisch gab es eine große Tonschüssel, in welche sie aus dem daneben stehenden Krug frisches Wasser eingoss, mit dem sie ihr Gesicht benetzte. Die eisig kalten Tropfen rannen über ihr erhitztes Gesicht, hinterließen kristalline Spuren, während sie sich im Spiegel betrachtete, den Umrissen ihres müden Antlitzes nachforschend.

Ja, es war höchste Zeit gewesen. Sowohl Jiros als auch ihr Captain hatten Recht gehabt, der Stress der letzten Wochen hatte sich in ihrem Inneren festgefressen. Es hatte den Geschmack des Todes gebraucht, um ihr das klar zu machen. Eines harten Kampfes ohne Regeln mit Aaray Dha'Beviin, um das Leben wieder zu spüren, und einer langen Unterhaltung auf dem Kopfteil eines imperialen Shuttles, um den Entschluss zur Tat reifen zu lassen. Irgendwann musste wohl jeder durchatmen. Sie fuhr mit der Hand über ihr Kinn, und der leichte Schmerz, den sie von ihrem letzten Trainingskampf mit dem Mandalorianer zurückbehalten hatte, kehrte wie ein alter, vertrauter Freund zurück.
Hier auf Alderaan hatte sie Ruhe finden wollen, Abkehr von allem, das ihren Alltag bestimmte, und doch war sie wieder der Politik begegnet. Wenigstens war es nur ein bisschen Politik gewesen, gekrönt von einer überraschenden Übereinstimmung und einer noch überraschenderen Einladung. Danach hatte sie die Stunden noch mehr genossen, die ihr mit Carsson Thrace blieben - beim Wandern und Klettern auf dem Gebiet ihres kleinen Lehens.
Das Wetter hatte mitgespielt, ihnen angenehmen Sonnenschein beschert, und an einem Ort ohne Coms, Dienst oder sonstige Pflichten hatte sie endlich loslassen können. Mit ihm konnte sie schweigen, und wenn sie gemeinsam auf irgendeinem Fels saßen, eine einfache Mahlzeit verzehrten, war sie zufrieden damit, sich einfach nur von der Sonne wärmen zu lassen.

Sich das Gesicht trocknend, erlangte sie endlich die Kontrolle über ihre Atmung zurück. Lienas öffnete das Fenster des Bads und ließ die kühle Nachtluft in den kleinen Raum hinein, bis sie ein Zittern überlief. Hier war die Welt noch seltsam in Ordnung. Sicher, es gab eine Menge Probleme auf diesem Planeten, aber die drängendsten, die sie selbst betrafen, schienen nur noch gedämpft vorhanden.
Vielleicht war es die klare Bergluft, die sie so durchatmen ließ - sie konnte es nicht sagen. Aber sie fragte auch nicht danach, sondern kehrte leise ins Bett zurück, sich an Carssons verlockend warmen Körper schmiegend. Seine regelmäßige Atmung hatte etwas beruhigendes, und während sie in den Schlaf glitt, konnte sie ihren Traum und den Sturz hinter sich lassen. Neue Bilder, aber dieses Mal lächelten ihr die vielen Gesichter stumm zu, jedes auf ihre eigene Weise. Das letzte Gesicht, bevor der Schlaf sie endgültig umfing, war das von Theila Wheest, im grünlichen Kolto still und von jeglichem Schmerz erlöst. Auf dem oberen Rand des mannhohen Koltotanks lag Wheests unvermeidliche Mütze mit den Plüschohren, und der Lieutenant lächelte ...

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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