Buch

Rezension: Collector - Operation Vade Retro


Fredinald Zumi steckt in der Klemme – genauer gesagt, er steckt dadurch in der Klemme, dass ein ausserirdischer Collector ihn seiner Sammlung einverleibt hat. Seit er am 1. Januar 3017 von diesem gefangen genommen wurde, hat er versucht, der lebendigen, geistlosen Aufbewahrung zu entfliehen und den Gedanken auch nach mehreren gescheiterten Versuchen noch nicht aufgegeben. 
Doch dann kommt alles anders, als er von den Collectors dafür auserkoren wird, als Kontaktperson zur menschlichen Rasse zu dienen, da die Aliens bei jüngsten Kämpfen von Menschen und deren neuen ahumanen Verbündeten geschlagen wurden und nun um ihre Rasse fürchten müssen. Vermutend, dass er als trojanisches Pferd missbraucht werden soll, lässt sich Zumi auf den Deal ein,  dann wird das Raumschiff der Collectors angegriffen …

Clarissa Fairbanks hat sich samt Vertrautem für einen neuen Job anheuern lassen – die selbsternannte Piratin aus einem französischen Adelsgeschlecht muss dringend Geld zusammen bringen und arbeitet deswegen für eine abtrünnige Truppe an Beta-Menschen, die ihr ein ausgesprochen spezielles Raumschiff in die Hände geben. Doch ein Teil der neuen Mannschaft ist von ihrer Führung nicht besonders begeistert und ihre Auftraggeber scheinen zudem recht neugierig, was Clarissas Vergangenheit betrifft. Gegen die Probleme, die mit der Nutzung des Schiffs einhergehen, sind das jedoch nur Kleinigkeiten ...

Nuntius Civer Black steht kurz vor der Pensionierung und ist für recht blutige und unkonventionelle Arten der Konfliktlösung im Namen der Church of Stars bekannt. Keine Frage, dass er wenig erfreut ist, dass ihn ein unerfahrener Preacher namens Innocent White für seinen nächsten Auftrag gesandt wird, um diesen zur Zentralwelt der Church zu geleiten. Allerdings gestaltet sich die Rückkehr als denkbar schwierig, denn der Transmatt-Sprung führt die beiden ungleichen Kirchenvertreter an einen ganz anderen Ort als gewünscht …

‚Operation Vade Retro‘ ist der zweite Band um die Collectors, den Altmeister Markus Heitz für sein Justifiers-Universum verfasst hat. Entsprechend hart ist für einen Neuleser auch der Aufschlag im kalten Wasser, wenn er diesen Band ohne Vorkenntnis der Ereignisse des erstens goutiert. Hat man jedoch die ersten Kapitel überwunden und sich mit den handelnden Personen vertraut gemacht, setzt schnell durch die meist geballte Action der gewohnte Sog ein, der einen als Leser durch Höhen und Tiefen der Story trägt.
Gerade als Actionfan bekommt man in diesem Buch sehr vieles geboten, von kleinen handfesten Auseinandersetzungen zwischen zwei oder mehreren Leuten bis hin zu einer Raumschlacht wird alles geboten, was man sich wünschen kann. Heitz‘ Formulierungskunst gelingt es, die Bewegungsabläufe interessant zu schildern und Spannung aufkommen zu lassen, ohne dass das Kopfkino des Lesers überfrachtet wird. Die Justifiers-Welt ist gefährlich und die Waffen sitzen allen Leuten relativ locker – kein Wunder also, dass sich die Protagonisten mit diesem Umstand des Öfteren auseinander setzen müssen.

Weitere Höhen gibt es einige: gerade das überhaupt nicht dynamische Duo Black/White sorgt für recht viele Schmunzler, da der unerfahrene White mit so einigen Handlungsweisen des Nuntius nicht zurecht kommt und ziemlich deutlich mit der schmutzigen Realität einer gefährlichen Galaxis kollidiert. Gerade die Wortgefechte zwischen den beiden bleiben positiv in Erinnerung und lassen einen etwas wehmütigen Blickpunkt auf die weitere Entwicklung innerhalb der Erzählung zurück.
Natürlich erhält Nuntius Black dabei die klassische Rolle des weltgewandten, gealterten und kantigen Helden, der eigentlich kein Held sein möchte, sondern inzwischen ganz andere Interessen und Wünsche hat und sich damit recht schnell ins Herz des Lesers schleicht. Damit gelingt es dem Autor zudem sehr geschickt, auf die Entwicklungen der Galaxis und vor allem die Church of Stars einen kritischen Blick zu werfen, ohne zu belehrend daher zu kommen, da die Äußerungen von seinen Charakteren stammen.

Eine echte, positive Überraschung war auch die sich entwickelnde Story um den auf der Erde gestrandeten Collector. Sie macht durch den sehr fremdartigen Blickwinkel auf die zu behütende Menschheit und deren Gewohnheiten wirklich viel Spaß – da hätte ich mir mehr Raum gewünscht, um diese Aliens und ihre Sichtweise ein bisschen besser kennen zu lernen, nicht zuletzt, da sehr viele der Gedanken des Collectors ziemlich sarkastisch und trocken formuliert sind.
Zumis Entwicklung vom getriebenen Geflüchteten zu jemanden, der für seine Meinung und für andere Menschen eintritt und sich gegen die Praktiken der Konzerne zur Wehr zu setzen versucht, rundet den bunten Reigen interessanter und abwechslungsreicher Storylines ab, da man hier auch die Gelegenheit erhält, eine recht schnelle Entwicklung sozusagen live zu verfolgen. Ebenso wie bei Innocent White, der seine Unschuld recht heftig gegen seine Umwelt verteidigen muss und dann doch gezwungen wird, sich den rapide verändernden Verhältnissen anzupassen, um eine Menge an Gefahren zu überleben.

Aber leider gibt es auch ein paar Dinge, die ‚Collector – Operation Vade Retro‘ ein bisschen straucheln lassen. Einige Worte zur Vorgeschichte für Leser, die Band 1 nicht kannten, wären hilfreich gewesen, um nicht bei den ersten fünfzig Seiten krampfhaft nach jedem Detail über das vorhandene Setting suchen zu müssen. So erliest man sich den Zustand der Galaxis zwar, aber es ist deutlich mühsamer als mit einer kurzen Beschreibung der bisherigen Ereignisse. Daran ändert auch das Glossar mit den Begriffserklärungen nicht viel, da es bestenfalls an der Oberfläche kratzt.

Was eine Stärke des Romans ist, erweist sich zudem auch als Schwäche: Bei der vielen Action kommt mir ein tieferer Einblick in die Welt an manchen Stellen deutlich zu kurz. Gerade zur Church of Stars oder den Konzernen hätte ich mir mehr Einblicke gewünscht, auch etwas mehr Zeit für die Charakterentwicklung wäre sicherlich hilfreich gewesen, um sich vertrauter mit liebgewonnenen Helden machen zu können. Man hetzt gerade zu Ende der Erzählung von Schauplatz zu Schauplatz, diese werden zumeist nicht einmal mehr besonders beleuchtet, sondern allein durch die Action getragen.
Da wäre sicherlich Raum für mehr gewesen, nicht zuletzt, da der Storybogen relativ aprupt endet und den Leser mit einigen Fragen in der Luft hängen lässt. Es steht stark zu vermuten, dass für das Buch ein fester Rahmen vorgegeben war, den der Autor mit mehr ‚Butter bei die Fische‘ deutlich gesprengt hätte. So bleiben einfach zu viele lose Enden zurück, die mich als Leser unzufrieden stimmen.

Vielleicht wäre es sogar ganz passend gewesen, den Fairbanks-Anteil der Story gegen mehr Screentime für Black/White oder Zumi einzutauschen, da die Freibeuterin trotz vieler interessanter Aspekte ihrer Persönlichkeit irgendwie blass bleibt und im Grunde für das Fortschreiten der Handlung nicht wirklich relevant ist. Man wünscht sich auch nach gut zweihundert Storyseiten für sie nicht so unbedingt eine positive Lösung wie für andere Beteiligte.
Auch im Abstand einiger Wochen erscheint Clarissa als die farbloseste Persönlichkeit unter den wichtigeren Protagonisten und wird locker von Preacheress Columba ausmanövriert – eigentlich schade, denn eine toughe Frau mit einer Menge Wissen und Können auf ihrem Gebiet ist meist ein Charakter, der sich sehr schnell meine Sympathie erwerben kann. Bei Clarissa Fairbanks hat es leider nicht geklappt.

Fazit: Eine durchaus spannende Story in einer interessanten Sci-Fi-Welt, die am zu hohen Actionanteil und zu vielen Erzählperspektiven krankt. Sechs von zehn möglichen Punkten.

Buch erwerben: [ Collector - Operation Vade Retro

Buchdetails:
Reihe: Justifiers, Band 11 (Band 2 der Collector-Romane)
Titel: Collector - Operation Vade Retro
Autor: Markus Heitz
Buch/Verlagsdaten: Heyne Verlag, 9. Februar 2015, 592 Seiten, ISBN-13: 978-3453527393, 10,99€

Das Rezensionsexemplar wurde vom RandomHouse-Bloggerportal zur Verfügung gestellt - vielen Dank!

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

Auch auf Facebook, Google+ und Twitter erhältlich!

2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Sechs von zehn möglichen Punkten ist mir leider zu wenig bei 592 Seiten :S

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. :) Genau dafür gibt es ja Rezensionen ... zum Vorsortieren, falls man sich unschlüssig ist. Wobei es auch immer Geschmackssache ist. Ich habe versucht, klar zu machen, wieso das für mich kein großer literarischer Wurf war ;)

      Löschen

Powered by Blogger.