Aloncor Torn

The Good, the Bad and the Jedi: Schuss vor den Bug


Der Morgen graute, als der Jedi endlich zur Ruhe kam. Er hatte seine letzte Nacht auf Tython dafür genutzt, sich in die wilde Natur zurückzuziehen, sich ganz dem Wind hinzugeben, der bei den weiten Sprüngen über die schroffen Gebirgszüge um seine Ohren pfiff. Aloncor Torn mochte diese Momente, in denen er einfach nur fern von allem war, sich die wenigen emotionalen Lichtpunkte in seinem Kopf, welche die Präsenzen anderer Personen darstellten, mit steigender Entfernung zum Tempel nach und nach verringerten, bis es nur noch zu einem leisen Hintergrundrauschen wurde. Die lebendige Macht in allem um sich herum zu spüren hatte ihn schon immer beruhigen können. Es war einer der Schlüsselzugänge gewesen, die ihm sein einstiger Meister eröffnet hatte, um mit dem während seiner Pubertät in seinem Kopf als grauenvolles Chaos aufgekommenen tiefen Machttalent für die Gefühle anderer klarzukommen.
Der Jüngling, den sein Freund Andenus einstmals vor anderen Kindern im Orden verteidigt hatte, war bis auf sein mangelndes Talent für den Lichtschwertkampf eigentlich ein glückliches Kind gewesen, sobald der erste Trennungsschmerz von seinen Eltern und seinen Geschwistern abgeebbt war und er die faszinierenden Möglichkeiten der Macht hatte kennenlernen dürfen. Mit seiner Pubertät aber war vieles anders geworden, die Zäsur war auch heute noch in Aloncors Erinnerung so deutlich vorhanden, als läge sie nur wenige Wochen zurück.

Was ihn aus der Menge vieler Jedi heraushob, sein Talent zu einem der selteneren machte, war für den Padawan Aloncor zunächst nur der Gang durch eine ganz spezielle Hölle gewesen. Von heute auf morgen hatte sich die Wahrhemung seines Bewusstseins vertausendfacht. Die Emotionen anderer waren auf seinen darauf nur rudimentär vorbereiteten Geist eingeprasselt wie ein stetiges Sperrfeuer inmitten einer tosenden Schlacht. Nur Meister Soran-Tis ruhige Bedachtsamkeit war wie eine Mauer zwischen ihm und der Qual gewesen, die ihm das ungefilterte Fühlen anderer verursachte. Und, nach und nach, hatte er gelernt, seine geistigen Pforten zu schließen, nur noch die Dinge zuzulassen, die er zulassen wollte. Doch das Dauerfeuer blieb, es begleitete ihn jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick.
Das Entscheidende war der Umgang damit, wie mit allen anderen Empfindungen auch.
Nach all den Jahren jedoch wusste er, wie er es in einem gewissen Abstand halten konnte, ohne davon belastet zu werden - zumindest auf den meisten Planeten. Dicht bevölkerte Stadtplaneten wie Coruscant oder auch der Huttenmond Nar Shaddaa, auf dem die gierigen Bedürfnisse der Besucher die meisten emotionalen Eindrücke überlagerten, stellten jedoch nach wie vor eine besondere Anstrengung dar. Früher oder später war der Druck auf sein Bewusstsein merklich, sodass er sich um derartige Ausflüge nie besonders riss. Aber eine neue Mission war eben eine neue Mission - und er hatte die Gelegenheit genutzt, um noch ein wenig Ruhe zu tanken. Sie war bitter nötig.

Wie meinst Du das?
Ein deutlicher Beiklang puren, klösterlichen Entsetzens hatte in diesem Augenblick in Andenus' Stimme gelegen. Es war keine Beichte gewesen, bei der sich Aloncor seinem Freund anvertraut hatte. Er hatte schlicht die Wahrheit gesagt. Wenngleich nicht wirklich jedes Detail der Wahrheit, weil Aloncor wusste, dass der andere Jedi bestimmte Dinge vermutlich vollkommen falsch verstanden hätte. Sich ein Bild von jemandem gemacht, das zur ohnehin vorhandenen schwierigen Vita dieser Person vermutlich eine negative Färbung beigefügt hätte - aber Aloncor wusste genau, wie manches gemeint gewesen war. Inzwischen auch, wieso sie so gehandelt hatte ...

Das Problem war nicht diese eine, intensive Berührung zweier Lippenpaare, sondern wie er selbst darauf reagiert hatte. Dass für einen Bruchteil von Momenten sein Fokus an einem anderen Ort gelegen hatte als bei dem, was er war. 
Wo seine Pflicht lag.
Und dieses Verhalten war unentschuldbar.
Sogar gefährlich - wenn nicht für ihn, der die Nuancen und Untiefen von Emotionen seit vielen Jahren kannte und erkundete, dann vor allem für sie. Andenus' Worte waren klar gewesen, sehr deutlich, und Aloncor wusste, dass sein Freund recht hatte. Es war die Aufgabe aller Ordensgeschwister, einander in jeder erdenklichen Weise zu unterstützen, und wenn es für seinen Umgang mit ihr bedeutete, dass er keine Gelegenheit darstellen durfte, sie von der lichten Seite fernzuhalten, dann war dies seine Aufgabe. Musste es seine Aufgabe bleiben, unter allen Umständen.

Seit dem Gespräch mit seinem alten Freund, dessen kaum verhehlter Überraschung, in die sich auch eine gewisse berechtigte Empörung geschlichen hatte, sah Aloncor endlich wieder klar. Diesen Schuss vor den Bug von einem Extrem hatte er gebraucht. Vielleicht war es das Wissen um genau diese Reaktion, die ihn das Gespräch hatte suchen lassen. Vielleicht auch der Wunsch nach ein wenig Vertrautheit in einer großen Menge Verwirrung. Andenus' ruhiges Pflichtbewusstsein, sein stetiger Ernst, sein Wille, unbedingt und stets zu dienen hatten eine erdende Wirkung, die dem Empathen guttat. Sicher, er stimmte nicht mit allem überein, was Andenus tat und wie er die Galaxis sah.

Aber das war auch nicht das Entscheidende, mit ihm in allem konform zu gehen. Freundschaften entwickelten ihre Tiefe vor allem durch Unterschiede, dadurch, dass einem der andere Einblicke erlaubte, die man selbst vielleicht nicht erlangen konnte. Andenus durfte sich seine innere Stärke bewahren, den stetigen Trotz gegen die Feinde des Ordens, gegen finstere Sith, gegen all jene, die Unschuldigen oder weniger Unschuldigen Leid zufügten. Der ruhige, verlässliche Ritter war ein Kämpfer, würde es immer sein.
Aloncor hingegen würde niemals so eindeutig licht sein wie sein Freund, konnte es auch nicht. Dafür lagen zu viele Nuancen in den Empfindungen der Lebewesen um ihn herum. Nur Schwarz und Weiss konnte es für ihn nicht geben. Dazwischen waren weitaus mehr Schattierungen von Grau, als er es erklären konnte. Und auch diese Schattierungen verdienten Beachtung. Wenn alle anderen es nicht konnten oder wollten, so war auch das seine Aufgabe. Seine Pflicht.

Pflicht würde ihn wieder nach Nar Shaddaa führen, in der eigentümlichen Wiederholung eines anderen Besuches, ausgerechnet mit der Person, mit der er als allerletzter hatte eine solche Reise unternehmen wollen. Aber in diesem Punkt stimmte es wohl wirklich, was erfahrenere Jedi bisweilen scherzten - dass die Macht einen eigentümlichen Sinn von Humor hatte. Und vielleicht sollte es so sein, dass sie zusammenarbeiten mussten. Erkunden, wie es war, nach einem Fehler dennoch miteinander auszukommen, sich wie die Jedi zu verhalten, die sie waren oder zumindest sein sollten. Seltsamerweise hatte ihn diese Erkenntnis weit weniger nervös gemacht als er es gedacht hatte. Während Aloncor eine gute halbe Stunde später seine Sachen packte und diese mitsamt den Ausrüstungsgegenständen, die ihm vom Orden für die Mission zur Verfügung stellte, in Richtung des Hangars trug, in dem seine angeschraddelte Defender wartete, musste er unwillkürlich schmunzeln.
Es war eine Herausforderung ganz anderer Art. 

Und eine, die ihm hoffentlich einmal mehr zeigen würde, wer er war. Nicht nur der Diplomat, der Todfeinde zusammen brachte. Nicht nur der Ermittler, der mit geschickten Fragen einer Spur bis zum Ende folgte. Nicht nur der Jedi, dem die Macht immer wieder Visionen zugedachte, mit denen er nicht immer gut zurecht kam. Auch ein Mann, dessen Erfahrungen ihn prägten und dessen Weg anders verlief als jener der meisten anderen Jedi, weil sein Blick zwangsläufig ein anderer war. Selbst wenn es bisweilen bedeutete, dass er Fehler machte, Fehler machen musste, um seinen eigenen Weg wiederzufinden. Als die Defender von Tython abhob, war das Herz Aloncor Torns ruhig wie schon eine ganze Weile lang nicht mehr.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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