Persönliches

Irgendwo sind wir alle Ausländer

Ich weiß noch, wie meine Oma immer reagiert hat, wenn ich als Schülerin versucht habe, das Gespräch auf die Zeit des zweiten Weltkriegs zu lenken. Als geschichtsinteressierte Person wollte ich vieles darüber wissen, weil die Gräultaten des Naziregimes mir so unvorstellbar erschienen. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein, in Kriegsgefangenschaft zu geraten. 
Wenn einem heute jemand erzählt, aus welchen Bestandteilen die Nachkriegs-Hausmannskost besteht und welche Tricks angewendet wurden, um aus halb verdorbenen Lebensmitteln oder Dingen, die man heute wegwerfen würde, noch schmackhafte Speisen zuzubereiten, fällt das Nachvollziehen dieser Gaumengenüsse unglaublich schwer. Uunsere Generation und auch die folgenden erleben Mangel nur noch in Form eines nicht gerade üppigen Hartz-IV-Satzes, mit dem man immerhin ganz passabel überleben kann*, falls man sich keine teuren Gewohnheiten wie Rauchen oder Trinken zulegt. 

Meine Oma wollte an die Zeit des zweiten Weltkriegs nicht gern erinnert werden. Inmitten des Eigenheimes, das meine Großeltern in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb zunächst gebaut hatten und an welches dann angebaut wurde, um meinem Onkel und seiner Familie ebenfalls ein schönes Zuhause zu bieten, schienen die Schrecken der Flucht aus Ungarn und die Flucht meines Opas aus der Kriegsgefangeneschaft seltsam surreal.
Sie hatten eine schöne Schrankwand, eine große Essecke, an der die Familie bei Festen zusammenkam und der Tisch bog sich unter den vielen leckeren Speisen, die meine Oma für alle Gäste auftischte. Ihr selbstgemachter Strudel und die ganzen anderen Sachen habe ich als Kind sehr genossen und als Teenager nach dem ein oder anderen Trick zum Kochen gefragt. 

Seit ich selbst mal für zehn Mann gekocht habe, weiß ich auch, welcher Streß die Feiertage immer für sie gewesen sein müssen, aber sie hat sich nie beklagt, sondern stets mit einem Lächeln in der Küche herumgewerkelt. Man hat gemerkt, dass sie dort angekommen war, in ihrem Hier und Jetzt, und mit ihrem Leben, so schwierig alles auch auf der Flucht gewesen sein muss, glücklich war. Ich werde nie vergessen, was es für ein Gefühl der Geborgenheit war, als Kind in ihrer Küche zu sitzen, ab und an etwas naschen zu dürfen, das leise Ticken einer Uhr im Hintergrund, unzählige Düfte in der Nase.

Dinge über die Flucht meiner Großeltern und den anderen Verwandten erfahre ich von meiner Mutter, denn die hat von ihren Eltern einiges gehört. Sie und ihre Geschwister waren im Dorf viele Jahre lang nur die 'Flüchtlingskinder', die Fremden. Die aus einem fremden Land mit einer fremden Kultur, obwohl der Glaube christlich war. Aber in den sechziger Jahren in einem protestantisch orientierten Dorf als Katholik aufzuwachsen ist auch schon ein ordentlicher Kulturschock. 
Das war in den Achtzigern und Neunzigern nicht viel anders - Katholikin bin ich bis heute. Kein Fan von Dörfern irgendwo auf dem Land ebenfalls, in dem einen die Leute spüren lassen, dass man nicht zur alteingesessenen Garde gehört, sondern eine 'Zugezogene' ist. Wie viel schlimmer muss es also erst für Kinder gewesen sein, deren Eltern mit absolut nichts aus Ungarn kamen und nur ihr nacktes Leben retten konnten? 
Wie muss es für die Kinder gewesen sein, von den Dorfkindern dafür geschnitten zu werden, dass sich die Eltern nicht viel leisten konnten, weil noch ein Haus zu bezahlen war und man eben die Sachen aufgetragen hat, die man geschenkt bekam? Oder mit Spottnamen bedacht? Was meine Großeltern erlebt haben, bis sie in der Dorfgemeinschaft integriert waren, weiß ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass es ein leichter Weg war.

Ich habe das Glück, wie eine Deutsche auszusehen. Helle Haut, kaukasischer Typus, dunkle Haare, leicht slawischer Einschlag in der Knochenstruktur des Gesichts. Nichts, was hier irgendwie auffallen würde, bis auf das 'Zugezogene'-Problem hatte ich nie mit irgendwelchen abwertenden Bemerkungen umzugehen. Daneben trauen sich die meisten Männer auch nicht, eine Frau mit sexuellem Hintergrund anzupöbeln, die meist genauso groß oder größer gewachsen ist als sie, in sofern hält sich auch derlei in akzeptablen Grenzen.
Dennoch bin ich zu 100% territorial gesehen keine Deutsche - die eine Hälfte stammt aus Ungarn, die andere Hälfte aus Ostpreußen. Gefühlt würde ich mich eher als Europäerin einordnen, nicht als Deutsche allein. Noch mehr als einen Bürger auf dieser schönen Erde, der versucht, die Welt irgendwie zu verstehen, und natürlich die Menschen, die darauf leben. Egal ob deren Haut nun dunkel oder hell ist, egal woran sie glauben, egal ob sie nun Männer, Frauen, sich selbst oder gar nichts sexuell attraktiv finden.

Heutzutage bin ich die meiste Zeit irritiert und entsetzt, wenn ich die Nachrichten lese. 

Welches Recht nehmen sich Menschen heraus, Deutschlands offenen Umgang mit der entsetzlichen Vergangenheit, die unser Volk nun einmal hat, als 'dämliche Bewältigungspolitik' zu bezeichnen und die Holocaust-Erinnerung als 'Denkmal der Schande' herabzuwürdigen**? Mit welchem Recht fotografieren sich Kids und Teenager in vermeintlich witzigen Posen am berliner Holocaust-Denkmal und werfen das dann als Selfies in die große weite Welt des Internets, um 'cool' zu erscheinen? Wie können wir guten Gewissens lapidar fünf Euro für einen Becher Kaffee ausgeben und gleichzeitig einem Flüchtling sein Smartphone nicht gönnen, meist die einzige Kontaktmöglichkeit zum Rest der Familie, die ebenfalls auf der Flucht ist?
Mit welchem Recht gerieren sich Menschen in den Bundesländern mit dem nachweislich geringsten Anteil an Asylbewerbern und Menschen aus anderen Kulturkreisen als das verfolgte und unterdrückte Volk, das sich energisch gegen eine Überfremdung wehren muss? Mit welchem Recht entscheidet der 'mächtigste Mann der Welt' in seiner Stellung als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, dass eine Glaubensrichtung schlechter sei als andere und sorgt durch seine Entscheidungen dafür, dass sein Land gesellschaftlich noch tiefer gespalten wird als zuvor? 

Gerade die USA sind derzeit ein Land in einer Stimmung, die ich mir kaum vorstellen kann. Im ersten und zweiten Weltkrieg flüchteten Menschen aus Europa nach Amerika, um nicht verfolgt zu werden oder schlicht zu sterben. Die USA waren immer ein Land, in dem Menschen Zuflucht vor Verfolgung suchten, nach einem besseren Leben, nach der Freiheit, ihren Glauben und ihre kulturelle Identität leben zu dürfen. Die Freiheitsstatue auf Ellis Island wurde gerade im zweiten Weltkrieg zu einem Leuchtfeuer der Hoffnung für so viele, die ansonsten durch die faschistischen Regimes in Europa und die Begleiterscheinungen des Kriegs umgekommen wären.
Und heute? 

Heute stellt sich der Nachkomme eines Einwanderers aus Deutschland, welcher mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA gekommen war***, vor seine Nation und lässt sich dafür bejubeln, dass er diese Tradition mit Füßen tritt. Von der Freiheit bleibt anscheinend nur dann etwas übrig, wenn man männlich, weiß und protestantisch ist, denn das ist die Wählerschicht, die Trump vor allem ansprechen wollte. Manche Einwanderer sind besser als andere, und bitte bloß keine Muslime! Die könnten schließlich alle, auch fünfjährige Kinder, bereits Terroristen sein und nichts anderes im Sinn haben, als die amerikanische Grundordnung mit Bomben zu zersprengen. 
Das klingt so widersinnig, dass ich mich noch immer nicht entscheiden kann, ob ich hysterisch lachen oder einfach nur mit einem dummen WTF-Gesicht irgendwo herumsitzen soll, weil ich das alles nicht begreifen kann. Von rationaler Nachvollziehbarkeit hat sich die Politik dieses Staatsmannes für mich längst verabschiedet.

Als mein Kerl und ich vor einem Jahr in den Urlaub flogen, haben wir lange überlegt, was unser Ziel sein sollte - so oft steht bei uns Urlaub nicht an, und wir sind beide Menschen, die auf die Welt neugierig sind. Es wurde schließlich der Oman daraus, ein muslimisches Land, welches noch ganz traditionell von einem Sultan in einer absoluten Monarchie beherrscht wird. Die muslimische Auslegeung im Oman ist die der Ibbaditen, welche sich aus dem jahrhundertealten Streit zwischen Sunniten und Schiiten heraushalten. Viele Leute fragten mich vor dem Urlaub, ob es nicht gefährlich sei, dorthin zu reisen - war es nicht.
Wir trafen auf eine wirklich andere Welt. Männer wie Frauen tragen im Oman Gewänder, die den Körper bis zum Halsansatz verhüllen, bei den Frauen in Form einer Abaya, bei welcher auch der Kopf und meist auch der untere Teil des Gesichts verhüllt war. Es war gar nicht so leicht, sommerliche Kleidung zu finden, die diesem Standard entspricht - denn auch als reisender Europäer hat man sich an die Regelungen 'bedeckte Schultern und Arme, Torso und Beine' zu halten. Als wir eine Moschee besichtigten, war dann gewünscht, dass die Frauen der Reisegruppe ihre Haare verhüllen - einmal ein Schal drumherum geschlungen, fertig. 

Ansonsten wurden wir weder angestarrt noch unfreundlich behandelt, ganz im Gegenteil. Sowohl mein Kerl als auch ich sehen einfach aus wie Europäer. Ich als hochgewachsene Frau habe die einheimischen Männer teilweise auch schlicht dann rückwärts gehen lassen, wenn ich mich von einem Stuhl erhoben habe und aufgestanden bin. An sowas sind sie einfach nicht gewöhnt. 
Doch habe ich bei keiner Reise durch Europa oder auch Deutschland diese gastfreundliche Art der Menschen erlebt, wie sie mir von völlig Fremden aus einem fremden Kulturkreis gegenüber geübt wurde: Wildfremde luden uns auf einen Tee ein. Man war immer bereit, uns den Weg zu weisen oder etwas in wildem, geradebrechtem Englisch zu erklären, wenn wir Fragen hatten. Es gab ein freundliches Lächeln, wenn man sich höflich mit den Omani unterhalten hat. Es herrschte eine gewisse Kargheit in den Kleidungsfarben und im öffentlichen Ausdruck, die jedoch umso mehr den Blick auf verzierte Hauselemente, auf die Natur, auf die Welt an sich gelenkt hat. Ich habe mich schlicht auf eine stille, unaufdringliche Weise dort willkommen gefühlt, sodass der Schock der Rückkehr umso größer war. 

Wenn man erstmal eine Weile in einem Land unterwegs ist, in dem Nacktheit von Körperteilen allenfalls an Hotelpools existiert, ist Deutschland umso krasser. Wir kamen während der ersten Tage des Oktoberfests zurück, mussten durch das feierwütige München fahren, Besoffene in Lederhose inklusive. Selten habe ich mich so sehr in den Oman zurückgesehnt als in dem Moment, in dem ein angetrunkener Mann um halb drei am Nachmittag in der S-Bahn kurz davor war, über mich oder meinen Koffer zu reihern. 
Wenn schon ich als Kind dieses Landes selbst am ersten Tag 'zuhause' von diesen Bildern überfordert war, wie muss es dann erst Menschen gehen, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind und mit unserer Gegenwart der freizügigen Werbeplakate, der quellenden Riesenbrüste und Fixiertheit auf Körperlichkeiten und Aussehen konfrontiert werden, ohne dass es irgendwen gibt, der es ihnen erklärt und ihre Fragen beantworten kann? 

Ja, man passt sich immer an - ich habe mich schließlich auch an die Lebensweise einer anderen Kultur angepasst, als ich im Ausland unterwegs war. Aber wir machen es uns heutzutage sehr leicht, die Anpassung zu verlangen, wenn wir selbst nicht wissen, was es bedeutet, vollkommen von vorn zu beginnen, ohne Besitz, ohne Sicherheit, in einer absolut fremden Kultur, deren Sprache und Begrifflichkeiten man nicht kennt. 
Wir in unseren sicheren Häusern, aufgefangen vom sozialen Netz, wenn wir den Job verlieren, wir, die wir nicht mehr wissen, was es bedeutet, Hunger zu haben, in Lebensangst seine Tage zu fristen, Angehörige von heute auf morgen in großer Zahl zu verlieren, nachts nicht schlafen zu können, weil Bomber über den Häusern dröhnen und ihre tödliche Fracht abwerfen, vor Gewalt, Vergewaltigung und Hass zu flüchten - wir maßen uns an, ein Urteil über Menschen abzugeben, die bei uns Schutz suchen und sich Hilfe erhoffen? 

Ja, auch unter Flüchtlingen gibt es Kriminelle und Menschen, die anderen Schmerz und Leid zufügen, weil sie es wollen oder glauben, dies sei der bessere, bequemere Weg. Genau, wie es die unter den ansässigen Menschen gibt. Für solche gilt unser Gesetz, welches Straftaten sanktioniert. Diese Menschen erhalten auch von mir kein Verständnis.
Die anderen jedoch, denen möchte ich mit christlichen Werten begegnen. Mit Nächstenliebe, mit Geduld, mit einer gereichten Hand, genau wie den Menschen gegenüber, die hier schon seit langer Zeit leben. Es ist christlich, dem Nächsten zu helfen, wenn er der Hilfe bedarf. Egal ob derjenige nun Obdachloser, Flüchtling, ein guter Freund, Asylbewerber, der Nachbar von nebenan oder schlicht ein völlig Fremder ist, den man überhaupt nicht kennt. 

Manchmal reicht schon ein freundliches Wort, um jemandem eine große Hilfe zu sein. Eine Erklärung, wenn eine ältere Dame mit dem Fahrkartenautomaten am Bahnhof nicht klar kommt. Eine Solidarisierung mit jemandem, der von einem anderen grundlos angepöbelt wird. Ein Aufstehen im Bus, um einer Schwangeren den Platz anzubieten, auf dem man sich breitgemacht hat. Das Kinderhüten beim Nachwuchs der Verwandtschaft, damit die gestressten Eltern mal ein bisschen durchatmen können.
Verständnis für den Kollegen, der an einer Depressionskrankheit leidet und schon länger nicht mehr zur Arbeit kommen konnte. Ein Türaufhalten für jemanden, der dick bepackt mit Gepäck unterwegs ist. Ein Lächeln für die Frau an der Kasse im Supermarkt, ein freundlicher Gruß für den Nachbarn. Letztendlich beginnt Nächstenliebe schon damit, dass man für die Bedürfnisse anderer wach bleibt und nicht nur die eigenen im Blick behält. Solange wir das nicht vergessen, haben die Höckes und Trumps und Agitatoren auf der ganzen Welt keine wirkliche Chance.

Schließlich sind wir alle irgendwo Ausländer oder Fremde oder einfach Menschen, die irgendwann Hilfe brauchen könnten und sich dann wünschen, dass es irgend jemand anders bemerkt. Und hilft, ohne Fragen zu stellen oder ein Urteil zu fällen.

* Falls sich jemand fragt, woher ich das weiß: ich habe, bevor ich mich selbständig gemacht habe, zwei Jahre lang Hartz IV bezogen und sowohl frisch und gesund gekocht als auch schuldenfrei gelebt. Es geht. Es ist nicht leicht, aber es geht.
** Rede Bernd Höcke (AfD)  in Dresden, 18.01.2017
*** Frederick Trump, 14.03.1869-27.05.1918, deutsch-amerikanischer Unternehmer, Quelle: Wikipedia

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