LARP

Ich hab' Karneval das ganze Jahr!

In Deutschland herrscht mal wieder der Ausnahmezustand. Nun ja, zumindest in einem gewissen Teil unseres schönen Landes, vornehmlich im Rheinland und anderen Karnevalshochburgen. Wildfremde Leute verteilen untereinander 'Bützchen' (=Küsschen auf die Wange), umarmen sich, schunkeln,  trinken gemeinsam und zelebrieren die närrischste Zeit des Jahres. 
Wo man sich im Mittelalter vom Fleischessen verabschiedete und auf die Fastenzeit zusteuerte, verzichten wir heute allerdings nicht mehr auf allzu viel, das bunte Treiben auf den Straßen ist eine schöne Gewohnheit geworden. In unserer Spaßgesellschaft, wo man sich sein Vergnügen im Zweifel mit einem Mausclick direkt ins Wohnzimmer importiert, scheint mir eine Zeit der kollektiven Ausgelassenheit irgendwie überholt. Vor allem dann, wenn Leute aus dem Bekannten- und Kollegenkreis die Stirn runzeln, weil man selbst bekennender LARPer, also Live Action Role Player ist. 

Jemand anderer sein kann man zu jeder Zeit

Ja genau, dieses nette Hobby, bei dem man seine Rolle aus dem zumeist Fantasymittelalter selbst festlegt, sich ein Kostüm kauft oder näht, dazu eine Polsterwaffe und andere Accessoires mit sich herum schleppt, um authentischer und glaubhafter zu wirken. Dass den meisten Leuten die Bezeichnung LARP nicht viel sagt, daran bin ich inzwischen gewöhnt und erkläre es immer wieder geduldig denjenigen, die daran Interesse zeigen.
Wenn mir allerdings ein Dauerkarnevalist, der im Elferrat sitzt, sich mit Vorliebe schicke Funkenmariechen in Gardeuniform anschaut und die Büttenreden seines Karnevalsvereines der letzten fünf Jahre auswendig kann, mit diesem 'wie kann man nur so einen Blödsinn als Hobby haben'-Blick  begegnet, dann möchte ich am liebsten schreien. 
Was ist an einem LARPer schlechter als an einem Karnevalisten, möchte ich da fragen. Nur, weil wir unser Hobby das ganze Jahr über ausüben und nicht eine gesellschaftlich dafür anerkannte Zeit im Jahr haben, in der man kollektiv ausrasten darf?

Wer mal in Köln oder Düsseldorf gelebt oder gearbeitet hat, kennt diese Zeit im Jahr als jene, die man entweder liebt oder hasst. Bei mir war es eher letzteres: von angeheiterten Wildfremden abgeknutscht zu werden, entspricht einfach nicht meinen persönlichen Vorlieben. Das einzig gute an einem Arbeitsplatz im Karnevals-Einzugsgebiet war die Tatsache, am Rosenmontag generell frei zu haben. Vermutlich würden 90% der Beschäftigten ansonsten ohnehin blaumachen oder krankfeiern, also schenkt man sich das Ganze gleich.
Versteht mich nicht falsch - ich gönne jedem Jecken seinen Karneval, das ausgelassene Feiern und den Spaß mit Freunden und Unbekannten von Herzen. Ich muss nur nicht zwingend daran teilnehmen.

Spaß in der Gruppe? Auch für den Rollenspieler ein Muss!

Auch beim LARP organisieren sich Leute in Gruppen und Vereinen, teilen ihre Freizeit miteinander und überlegen sich, wie sie ihre gemeinsame Zeit interessant und schön gestalten können. Wer einmal ein Con organisiert hat, dürfte wissen, wieviel Detailarbeit in so einem dreitägigen Event stecken kann und wieviel vorbereitet werden muss. Wer mal eine Meute von hundert Spielern und NPCs kulinarisch versorgen musste, wird bei einer vom Caterer versorgten Karnevalsgesellschaft vermutlich nur müde lächeln. Bei LARP-Cons herrscht wegen der Kostenfrage dann doch sehr oft reine Handarbeit.
Schön gestaltete Karnevalswagen der einzelnen Vereine sind ganz sicher tolle Hingucker, selbst ich schaue mir die mit den politischen Aussagen ganz gerne an. Aber auch ein schick gestalteter Dungeon braucht Liebe zum Aufbau und eine Menge guter Ideen. Vom gut investierten Geld einmal ganz zu schweigen. Wer bei der Organisation eines Cons mit durchgehendem Plot nicht miteinander arbeiten kann, setzt die Sache schnell in den Sand, Teamfähigkeit ist hier ungemein wichtig.

Von langjährig miteinander spielenden und auf verschiedene Cons reisenden Gruppen mal abgesehen - meistens schaffen sich die Spieler Gemeinschaftszelte, Möbel, Banner und sonstige Ambientegegenstände an, die dann beim Lager stolz aufgebaut und anderen gezeigt werden. Einfach, damit das Spielerlebnis runder und schöner wird, der Gesamteindruck angenehmer und glaubhafter ist. Denn ein Lager, in dem anstelle von Plastikflaschen und knallrotem Kugelgrill Tonkrüge und ein Schwenkgrill zu sehen sind, hilft allen Mitspielern, ihre Immersion zu wahren und die Illusion einer fremden Welt greifbarer zu machen. Den Besitz der Gruppe zu pflegen und zu jedem Con zu transportieren, ist ein Aufwand, den viele Menschen gerne mal vergessen oder für selbstverständlich ansehen.

Bloß kein Kostüm von der Stange

Bunt und jeck soll der Karneval sein, ein farbenfrohes Miteinander, jedes Kostüm idealerweise etwas Besonderes. Narren, die etwas auf sich halten, erscheinen jedes Jahr in einem anderen Outfit, und bitte nichts zu Billiges von der Stange, das man irgendwo bei REAL in der Karnevalsecke gefunden hat. Individualismus gewinnt - genau wie bei LARPern.
Klar kauft man sich auch mal ein Hemd oder eine Hose von Leonardo, schafft sich beim ersten Kostüm überhaupt vielleicht irgend etwas Standardisiertes an, um einen Einstieg zu finden, ohne zu viel Aufwand zu treiben. 
Aber schnell geht der Trend zum Besonderen, man verbringt viel Zeit damit, Details wie Schmuckborten zu finden und aufzubringen, sucht bei verschiedenen LARP-Ausstattern nicht nur irgendeine Polsterwaffe, sondern DIE Waffe, welche perfekt zum Charakterkonzept passt oder lässt sie sich beim Waffenhersteller des Vertrauens nach Vorlage basteln.

Knackige Kerle um die zwanzig lernen nähen und sticken, um sich das ganz Besondere zu erschaffen, das ausser ihnen niemand sonst hat, Mädels bringen in unendlicher Geduld mit Handarbeit Schmuckperlen auf ihren Gewändern an, um in der Masse hervorzustechen. Von den Leuten, die sich ein Tierkostüm basteln oder auf Cons generell geschminkt erscheinen, weil sie einen Drow oder einen Ork verkörpern, will ich gar nicht erst sprechen. Es wird enormer Aufwand getrieben, um den eigenen Traum zu verwirklichen. 
Und es macht Spaß - wer kassiert denn nicht gerne ein Kompliment für das Kostüm oder die gesamte Aufmachung des Charakters? Oder bekennt dann nach neidvollen Blicken der Mitspieler, dass die bestickte Robe in Handarbeit entstanden ist? Da verblassen all die Stunden, in denen man sich mit der Sticknadel in den Finger gestochen hat, mit einem Mal und lassen nur noch Stolz und Freude zurück.
Ähnliches dürfte auch die schickste Cleopatra im Raum empfinden, die ihren Schmuckkragen selbst hergestellt hat und eine Unmenge von Perlen nacheinander auffädeln durfte..

Geselligkeit ist Trumpf

Im LARP geht nichts ohne die Mitspieler - wer glaubt, als einsame, toll aussehende Insel inmitten der Menge zu billieren, wird spätestens bei einem kniffligen Plot eines Besseren belehrt. Niemand kann alle Informationen alleine zusammentragen, niemand möchte auf Dauer alleine am Lagerfeuer sitzen und dort in die Flammen starren. Wer mal den "Gratisschnaps" der Wolkowen trinken durfte oder den Met der Sumsen kostete, darf sich schnell als Teil des Ganzen fühlen, angenommen und akzeptiert. Egal, was man sonst im Leben so treibt, ob man Klempner, Kellner, Arzt oder Arbeitsloser ist.
Es zählt, wie man spielt, wie man auf andere zugeht und ob man bereit ist, das Gemeinschaftsgefühl zu genießen, welches einem angeboten wird. Natürlich ist das auf-andere-zugehen nicht immer leicht, vor allem, wenn man auf einem Con noch niemanden kennt. Aber es lohnt sich und aus solchen Begegnungen werden oft Bekanntschaften, die man auch nach Jahren immer wieder trifft und mit denen man gemeinsam Spaß haben kann.

Beim Karneval scheint mir das alles schneller zu gehen, und, unterstützt vom Alkohol, auch weitaus einfacher. Wenn die Hemmschwelle sinkt, geht man leichter auf andere zu und hat weniger Vorbehalte, was andere über einen denken könnten oder ob sie einen überhaupt interessant finden. 
Doch das Prinzip bleibt das Gleiche - man feiert miteinander, zelebriert den Tag und die Tatsache des gemeinsam verbrachten Momentes.
Dass bei vielen Faschings- und Karnevalsgesellschaften historische Traditionen eine Rolle spielen, will ich nicht in Abrede stellen. Brauchtum ist etwas schönes und schützenswertes, und ich bin froh darum, dass es noch so viele Leute gibt, die sich dafür interessieren und dergleichen bewahren. 
Aber muss fiktives Brauchtum, das kreative Leute für andere erfunden und beschrieben haben, so sehr viel schlechter sein? Viele hochinteressante Gespräche über Glaubensformen entwickeln sich erst, weil sich so viele LARPer unterschiedliche Glaubensrichtungen ausgedacht haben, von den Eigenheiten unterschiedlicher Kulturen ganz zu schweigen.

Wenn heute mal wieder 'Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht' in den öffentlich-rechtlichen Kanälen läuft, bedaure ich dabei vor allem, dass es für Rollenspieler derlei nicht gibt, auch wenn Filme wie 'Wochenendkrieger' durchaus existieren und Fernsehteams auf Veranstaltungen wie dem Drachenfest oder dem Mythodea versuchen, die Faszination LARP einzufangen (und meistens daran scheitern).
Ihr Jecken, Narren, Gardetänzerinnen, Elferrätler und Straßenfeiernde - ich gönne euch euren Karneval, Fasching oder wie auch immer man es nennen möchte, von Herzen. 
Aber ich wünsche mir auch mehr Akzeptanz für mein Hobby, für das ich mich ebenso gerne verkleide wie ihr, bei dem ich ebenso gerne wie ihr mit anderen Spaß habe und das im Gegensatz zu eurem Hobby das ganze Jahr und meistens bei besserem Wetter als schmuddelig grauem Februar stattfinden kann. Nur eben mit ein paar Verrückten weniger ...

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Da musste ich doch erstmal bei #Wikipedia nachschlagen was diese "ganzen" Begriffe bedeuten. Es wäre wirklich von Vorteil gewesen, grad für die vielen Unwissenden (ich auch), Erklärungen im Text vorzufinden. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer diesen doch sehr interessanten Artikel vorzeitig das lesen, eingestellt hat. Ich war auch nahe dran, aber gut, war spannend zu lesen und ich bin ja nicht dümmer geworden.
    Habe ich echt nicht gewusst das es eine #Larp - Bewegung gibt.
    LG Ede-Peter

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    1. Hey und danke für diese Anmerkung! Da der Artikel in einem Blog erscheint, in dem es viel um Rollenspiel und LARP geht, war mir ehrlich gesagt nicht bewusst, dass da Begriffserklärungslücken herrschen könnten, da meist eher andere Spieler meine Leser sind. Aber ich werde das gerne beherzigen und eine kleine Erklärungsliste basteln :)

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