Karneval der Rollenspielblogs

Spieglein, Spieglein .. oder: Der einfache Weg zu einem ungewöhnlichen Gegner

Manchmal muss es einfach schnell gehen, wenn die Spieler-Helden den Plot komplett umgeworfen haben, an dem man seit Wochen hingebungsvoll gefeilt hat. Oder die Zeit hat nicht gereicht, sich etwas auszudenken, weil das reale Leben wieder mal in voller Härte zugeschlagen hat. Oder aber die Ideen, die man hat, erscheinen einem doch so mies, dass man die erwartungsvolle Spielrunde nicht damit belämmern will - solche Situationen dürften vielen Spielleitern nicht unbekannt sein. Die Leute dann zu enttäuschen, die sich extra Zeit für die Spielrunde genommen haben, möchte man natürlich auch nicht, aber was nun?

Bevor der gute Rat teuer wird, möchte ich euch einen meiner Tricks verraten, den ich in solchen Situationen anwende - die Spiegel-Methode. Klingt harmlos, ich weiss, aber damit kann man für eine Menge Schweißperlen auf Spielerstirnen sorgen, vor allem, wenn die Charaktere schon so manches Level und so manche Herausforderung gemeistert haben. Je doller die Spieler-Heldencharaktere, desto besser! Auch Spielleiter, die mit einer chronisch hochleveligen Truppe kämpfen müssen, könnten hiermit ein bisschen Abwechslung ins Spiel bringen - denn die Gegner der Helden sind sie selbst, ohne es zu ahnen.

Von Zeit zu Zeit nehme ich als Spielleiter Einsicht in die Heldenbögen, spielt man online über Google-Hangout oder sonstige Voicechats, dürfte es für die Spieler nicht einmal erstaunlich sein, dass man sich ihre Helden genauer anschaut. Diese Werte speichere ich ab und schaue sie mir genau an - welche Schwächen hat ein Held, welche Stärken. Gerade die Schwächen kann mein gespiegelter Charakter nämlich wunderbar ausnutzen.
Der herausragendste Charakter der Heldengruppe ist da das perfekte Ziel - so einen gibt es meistens, und sei es nur, dass der Spieler/die Spielerin Freude daran hat, sich einen starken Charakter zusammen zu basteln und zu steigern, oder aber die Regeln sehr gut kennt. Zeit für eine Herausforderung!

Der gespiegelte Charakter verfügt also über dieselben Werte, vielleicht sogar über dasselbe Können wie der herausragende Heldencharakter,  sollte aber noch ein oder zwei extra Fähigkeiten als Gimmick erhalten, damit es überraschend bleibt. Das wäre bei einem Magier vielleicht sogar ein Low-Level-Spruch, der zwar wenig Schaden verursacht, im Kampf aber durch fesselnde, behindernde oder waffenzerstörende Effekte besonders lästig wird. Oder bei einem Krieger Fähigkeiten wie entwaffnende Schläge, gute Blockwerte oder ähnliche schöne Dinge, die den Kampf daraufhin ausrichten, dass dieser NSC-Spiegelcharakter eine Konfrontation möglichst gut überlebt. Anders als die Helden hängt er nämlich ziemlich an seinem Leben und wird versuchen, sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zurückzuziehen. 
Dieser Spiegelcharakter soll ein Gegner sein, der längerfristig für Ärger sorgen kann und sich den herausragenden Heldencharakter aus einem Grund als Gegner ausgesucht hat, der mit der Geschichte des Helden zu tun hat. Waren sie vielleicht auf derselben Krieger-/Magierakademie und konnten sich damals schon nicht leiden? Ist der Heldencharakter für den Tod einer geliebten Person des NSC in der Vergangenheit verantwortlich, ohne es zu ahnen? Gerade in der Historie einer Gruppe mit hochstufigen Charakteren sollten sich genügend derlei Ereignisse finden, die einen Gegner zu Rachephantasien motivieren.

Dabei darf der Spiegelcharakter ruhig eine ähnliche Moralvorstellung wie der herausragende Heldencharakter haben - denn auch moralische Entscheidungen sind für Spieler eine Herausforderung, die meist länger wirkt als ein bloßer, schwerer Kampf. Wer entscheidet sich schon gerne, ob er den bösen Oberwicht gefangen nimmt, der im Moment seiner Gefangennahme eine dicke Bombe zünden wird, die tausende Unschuldige sterben lässt, oder ob er die Gefahr abwendet, die Entschärfung der Bombe vorzieht und den bösen Oberwicht laufen lässt, mit dem Risiko, ihn dann bald wieder als Gegner zu haben?
Für das Vorgehen mit einem gespiegelten Charakter gibt es keine perfekte Anleitung, denn je nachdem, wie sich der herausragende Charakter der Spielerhelden gebärdet, muss man sich überlegen, wie der Spiegelcharakter reagiert und diesem Knüppel zwischen die Beine wirft. Letztendlich darf man nie vergessen, wieviele Möglichkeiten der Spiegelcharakter eigentlich hat - und sollte flexibel bleiben.

Ebenso wichtig ist, dass die anderen Mitglieder der Heldengruppe nicht vernachlässigt werden, sobald klar wird, dass sich der gegnerische NSC einen Lieblingsfeind ausgesucht hat, so etwas führt schnell zu Unmut in der Gruppe. Aber wer alle Spielerhelden mit in die Lösung des Problems einbindet und deren Fähigkeiten herausfordert, sollte diese Schwierigkeit umgehen können. 
Die Spiegelmethode haben wir Gamemaster auf dem Ultima-Online-Freeshard "Oldworld.de" mehrfach angewendet, um die Welt ein bisschen bunter zu gestalten - einer der herausragendsten Momente war, als wir mit einer radikalen Licht-Paladintruppe die Menschen in moralische Zwickmühlen gestürzt haben. Diese lichte Gruppe glaubte an dieselben Götter und verehrte die Göttin der Gerechtigkeit und Ordnung dermaßen fanatisch, dass im Grunde jeder Charakter sehr schnell zu einem Opfer werden konnte, weil er sich nicht ordnungsgemäß betragen hat. 

Die Licht-Paladine wurden zu den richtig bösen, harten Cops, welche die eigentlich harten Cops (die Spieler-Göttinnenanhänger) beobachteten und auf deren Fehler lauerten. Sozusagen zur Inquisition für die Inquisition - und natürlich den ganzen Rest der Spielewelt. 
Es stürzte die ansonsten recht selbstsicheren und offensiven Anhänger dieser Göttin in nicht nur einen moralischen Konflikt, ob die Paladine nun zu unterstützen seien oder nicht, sondern zeigte auch überdeutlich, wohin übersteigerter Fanatismus führen kann und wie leicht man diesem erliegt. Es dauerte einige Wochen, bis sich die Menschen aufrafften, die Fanatiker zu vertreiben, und es führte zu einer Menge Konflikten auch innerhalb der Gruppe der Spielercharaktere.

Der ungewöhnliche Gegner muss also keineswegs ein speziell erschaffenes Monster sein, oder besonders selten, besonders schwierig, oder besonders ungewöhnlich. Manchmal reicht es, das Vorhandene zu nehmen und den Spielern gegenüber zu stellen.
Probiert es aus - ich bin gespannt, wie die Methode für euch funktioniert :) Rückmeldungen sind natürlich dankend erwünscht.

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Über Nerd- Gedanken

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